Katalog-Nr. SKY–016

Beezza! — Das Bienenkochbuch

2. deutsche Ausgabe

Deutsch / English | 2016 / 2018 | 160 Seiten | über 200 Abbildungen

Auch als englische Ausgabe erhältlich: Beezza — The Honeybee Cookbook (englische Übersetzung 2017). Siehe auch die Buchvorstellung auf dem Skyfood-YouTube-Kanal.

Kurzfassung

Das erste deutschsprachige Buch über die Esskultur mit Bienenlarven und -puppen. Ambühl verbindet Naturgeschichte, Bienenzucht-Praxis, Dutzende Original-Rezepte von der Suppe bis zum Longdrink und eine scharfe Analyse der Politik rund um essbare Insekten in der Schweiz und EU. Kernthese: Jährlich fallen allein in der Schweiz rund hundert Tonnen Drohnenbrut als Abfall an – ein hochwertiges, bereits vorhandenes Lebensmittel, das niemand nutzen darf. Polemisch, kenntnisreich, praxisnah.

Zusammenfassung

„Beezza! Das Bienenkochbuch“ ist nach eigener Aussage des Autors das weltweit einzige Buch, das sich der Esskultur mit Larven und Puppen der Honigbiene widmet – einem Lebensmittel, das in der Schweiz jährlich zu hundert Tonnen als Abfall entsorgt wird, obschon es sich um ein hochwertiges, bereits bio-zertifiziertes Nahrungsmittel handelt. Das Buch gliedert sich in vier Teile: Wissenswertes, Knowhow, Rezepte und Hintergrund.

Der erste Teil verortet die Beziehung zwischen Mensch und Biene naturgeschichtlich und kulturell: von steinzeitlichen Höhlenbildern über die Honigjagd an den „heiligen Bienenbäumen“ Südostasiens, wo die Riesenhonigbiene Apis dorsata an Würgefeigen nistet, bis zur Schweizer Bienenzucht mit ihrer weltweit höchsten Imkerdichte. Ambühl erklärt anschaulich, weshalb der sogenannte Drohnenschnitt – das Herausschneiden der männlichen Bienenbrut zur biologischen Bekämpfung der Varroamilbe – als Nebenprodukt jährlich grosse Mengen an eiweiss- und fettreicher Bienenbrut liefert, die heute grösstenteils kompostiert wird. Ein eigenes Kapitel widmet sich der Stigmatisierung der Entomophagie: Ambühl zeichnet nach, wie das Insektenessen im Zuge der Sesshaftwerdung vom selbstverständlichen Nahrungserwerb zum kulturellen Tabu wurde, verknüpft mit Kolonialismus, religiöser Verdammung (bis zu mittelalterlichen Gerichtsprozessen gegen Maikäfer) und rassistischer Abwertung „insektenessender“ Völker – eine Argumentationslinie, die im Kapitel „Kakerlakenfresser“ pointiert zugespitzt wird, unter anderem am Beispiel des Bestsellers „Nicht ohne meine Tochter“.

Der zweite Teil, „Knowhow“, ist ein praktischer Leitfaden: Drohnenschnitt, Drohnenschlacht, Entnahme der Waben, Lagerung, Transport, Hygiene und Bezugsquellen werden Schritt für Schritt erklärt – Wissen, das sich direkt an Imkerinnen und Imker richtet, die ihre bisher weggeworfene Drohnenbrut künftig selbst nutzen oder verkaufen möchten.

Das Herzstück des Buches ist der Rezeptteil mit rund zwanzig Original-Kreationen, gegliedert von entomoveganer Küche über Suppen und Hauptgerichte bis zu Snacks, Desserts und einem Longdrink. Rezepte wie „Immentaler Zaubertrank“, „Beeburger“, „Beesteak“, „Bienennudeln Burro e Salvia“ oder „Beecracker“ verbinden klassische Küchentechniken mit der neuen Zutat Drohnenbrut, oft mit spielerischen, an die Bienenwelt angelehnten Namen.

Der vierte Teil, „Hintergrund“, verlässt die Küche und wird zur politischen Streitschrift: Ambühl analysiert den FAO-Bericht „Edible Insects“ von 2013 und die daraus folgende Revision der EU-Novel-Food-Verordnung, kritisiert, dass die offiziell zugelassenen Speiseinsekten-Arten (Mehlwurm, Grille, Wanderheuschrecke) zufällig genau jene sind, die bereits als Zoohandel-Futtertiere verfügbar sind, während die eigentlich naheliegende, längst als Lebensmittel-Nebenprodukt anfallende Bienenbrut amtlich weiterhin ignoriert wird. Er vergleicht die gesundheitliche Risikobewertung von Insekten mit der von Fleisch und Meeresfrüchten, benennt den entstehenden internationalen Online-Graumarkt für Speiseinsekten und plädiert für eine pragmatische Zulassungspolitik nach dem Vorbild der „Belgischen Liste“. Das Schlusskapitel „Der vernünftige Weg“ formuliert vier Grundsätze für eine verantwortungsvolle Nutzung essbarer Insekten – holometabole Arten ohne Darminhalt, keine Konkurrenz zu menschlichen Grundnahrungsmitteln, Bio- und Fair-Trade-Standards, Lebensmittel vor Tierfutter – und endet mit einem pragmatischen Appell zur Selbstermächtigung: Wer nicht auf behördliche Regulierung warten will, soll selbst Imkerin oder Imker werden oder mit bestehenden Imkereien Kontakt aufnehmen.

Durchgehend erzählt Ambühl auch die Entstehungsgeschichte des Projekts „Beezza“ – von den ersten YouTube-Rezeptvideos über die mobile „Beezzeria“, die an Strassenfestivals und Kulturevents auftrat, bis zur Zürcher Skyfood-Konferenz, die ein internationales Netzwerk aus Entomologen, Imkern und Hobbyzüchtern zusammenbrachte. Diese autobiografische, oft humorvoll-polemische Ebene – inklusive Seitenhieben auf zögerliche Behörden, das Schweizer Fernsehen und den grössten Schweizer Imkerverband – gibt dem Sachbuch einen persönlichen, kämpferischen Ton, der es von einem reinen Rezeptband klar unterscheidet: „Beezza!“ ist zugleich Kochbuch, Naturkunde-Einführung und politisches Manifest für eine Landwirtschaft, die eine bereits vorhandene Proteinquelle endlich nutzt, statt sie wegzuwerfen.

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EINLEITUNG: EIN ABFALLPRODUKT WIRD ZUM LEBENSMITTEL

„Beezza! Das Bienenkochbuch“ verfolgt eine ungewöhnlich konkrete These: Ein wertvolles, eiweiss- und fettreiches Lebensmittel wird in der Schweiz jedes Jahr zu rund hundert Tonnen weggeworfen, obwohl es bereits produziert, bereits vielfach biozertifiziert und bereits fixer Bestandteil einer etablierten Landwirtschaftspraxis ist – der sogenannte Drohnenschnitt, bei dem Imkerinnen und Imker zur Bekämpfung der Varroamilbe die Brutwaben der männlichen Bienen aus dem Bienenvolk entfernen. Was seit Jahrzehnten kompostiert oder allenfalls zu Wachs verarbeitet wird, ist laut Ambühl ein fertiges, unmittelbar verfügbares Lebensmittel: die Drohnenbrut, eine Delikatesse, die unter dem japanischen Namen Hachi-no-ko seit Langem geschätzt wird.

Von diesem einen, sehr konkreten Ausgangspunkt aus entfaltet das Buch ein weites Panorama: Naturgeschichte und Ethnografie der Mensch-Biene-Beziehung, ein praktischer Leitfaden zur Ernte und Verarbeitung, rund zwanzig Original-Rezepte und schliesslich eine pointierte politische Analyse der europäischen und Schweizer Lebensmittelgesetzgebung. Das Buch ist damit weniger ein klassisches Kochbuch als ein hybrides Sachbuch, das Rezeptsammlung, Naturkunde-Einführung, Praxisleitfaden und Streitschrift in einem Band vereint – konsequent zu Ende gedacht im Untertitel, der bewusst „Bienenkochbuch“ und nicht „Insektenkochbuch“ heisst: Ambühl grenzt sein Thema präzise ein, um es aus der diffusen, oft exotisierenden Debatte um „Insekten als Nahrung der Zukunft“ herauszulösen und auf einen sehr konkreten, in der Schweiz bereits vorhandenen Rohstoff zu fokussieren.

WISSENSWERTES: NATURGESCHICHTE UND DIE ARCHÄOLOGIE EINES TABUS

Der erste, umfangreichste Teil des Buches baut das intellektuelle Fundament für alles Folgende. Ambühl beginnt bei der Frage, warum Menschen überhaupt Honig sammelten – nicht primär wegen der Süsse, sondern weil die Waben zugleich die energiereiche Bienenbrut enthielten, wie er am Beispiel plündernder Bären eindrücklich zeigt: Der Bär frisst zuerst die fett- und eiweissreiche Drohnenbrut, der Honig ist bloss „süsser Trost“ für die vielen Bienenstiche. Diese Beobachtung wird zum Leitmotiv des Buches: Was wir heute als reines Honigprodukt kennen, war ursprünglich ein Gesamtpaket aus Honig, Larven und Puppen.

Besonders eindrücklich ist das Kapitel „Heilige Bienenbäume“, das über persönliche Kontakte des Autors zu einer thailändischen Insektenforscherin und ihrem Fotografen-Partner Bildmaterial von der Honigjagd an der Riesenhonigbiene Apis dorsata präsentiert: Waben von einem Meter Durchmesser und vierzig Kilogramm Gewicht, die frei an Würgefeigenbäumen hängen, umgeben von Ritualen und Tabus, die diese Bäume als heilig markieren. Ambühl nutzt diese Bilder nicht exotisierend, sondern um zu zeigen, dass die enge, respektvolle Beziehung zwischen Mensch und wilder Honigbiene, die im europäischen Kontext fast vollständig verlorenging, andernorts als lebendige Gegenwart weiterbesteht.

Das titelgebende Kapitel „Kochkunst mit Bienen“ und die folgenden Abschnitte zur Bienenzucht (inklusive einer kompakten, technisch präzisen Erklärung des Drohnenschnitts und seiner Verbindung zur Varroamilben-Bekämpfung) liefern das notwendige Praxiswissen, bevor das Buch mit „Bienen – Ideale Speiseinsekten“ zur eigentlichen Kernargumentation übergeht: Weil Drohnenbrut ein reines Nebenprodukt der ohnehin praktizierten, oft biozertifizierten Imkerei ist, entsteht bei ihrer Nutzung – anders als bei eigens zu züchtenden Mehlwürmern oder Grillen – kein zusätzlicher Flächen-, Futter- oder Wasserbedarf. Ambühl beziffert den möglichen volkswirtschaftlichen Mehrwert für die Schweiz auf mindestens fünf Millionen Franken jährlich, für die EU auf ein Vielfaches, und fragt pointiert, weshalb eine derart naheliegende Lösung amtlich nicht aufgegriffen wird.

Die folgenden Kapitel „Kakerlakenfresser“ und „Vom Freund zum Feind zum Freund“ verlassen die reine Naturkunde und werden zur kulturhistorischen Analyse der Stigmatisierung des Insektenessens. Ambühl zeichnet nach, wie sich die Bewertung von Insekten mit dem Übergang von Jäger-und-Sammler- zu Landwirtschaftsgesellschaften fundamental wandelte: vom alltäglichen Nahrungsgeschenk der Natur zum Schädling, der die eigene Ernte bedroht. Er verfolgt diese Verschiebung durch mittelalterliche Gerichtsprozesse gegen Maikäfer, die kirchliche Verdammung von „Gewürm und Ungeziefer“ als Teufelswerk, die rassistische NS-Ethnologie, die den vermeintlichen „Fleischmangel“ afrikanischer Bevölkerungen als Beweis ihrer „Degeneration“ missbrauchte, ohne zu bemerken, dass diese Bevölkerungen sich sehr wohl proteinreich ernährten – nur eben mit Insekten, einem blinden Fleck auf der westlichen Nahrungsmittel-Tabelle. Besonders scharf wird der Ton, wenn Ambühl den Bestseller „Nicht ohne meine Tochter“ als Beispiel dafür anführt, wie das Stigma des Insektenessens gezielt zur Abwertung fremder Kulturen instrumentalisiert wurde. Diese Kapitel zeigen den Autor als kenntnisreichen, unbequemen Diskursanalytiker, der bereit ist, auch heilige Kühe – im Wortsinn wie im übertragenen Sinn – anzugreifen, etwa wenn er die religiös begründete Bevorzugung von Rind- und Schafopfern gegenüber Insektenkonsum als Erbe eines „monotheistischen“ Ausschliesslichkeitsdenkens deutet.

„Die richtigen Speiseinsekten“ und „Qualität von Insekten“ führen die Kritik in die Gegenwart: Ambühl moniert, dass die von EU und Schweiz zugelassenen Speiseinsekten-Arten (Mehlwurm, Grille, Wanderheuschrecke) ausschliesslich solche sind, die zuvor schon als Zoohandel-Terrarientier-Futter verkauft wurden – ein Zufall, den er unverhohlen als Indiz für vorauseilende Industrie-Interessen statt für eine an tatsächlichem Nährwert oder kultureller Verbreitung orientierte Auswahl liest. Zugespitzt fragt er, weshalb die in zahlreichen Migrant-Communities geschätzten und ohne Weiteres im Internet erhältlichen Insekten wie Bambusraupen, Palmrüsselkäfer-Larven oder Mopane-Würmer amtlich ignoriert werden, während gleichzeitig Zollbehörden ahnungslose Reisende mit konfiszierten Mopane-Würmern schikanieren.

KNOWHOW: DER PRAKTISCHE LEITFADEN

Der zweite Buchteil wechselt konsequent vom Diskurs zur Praxis. In kompakten, klar strukturierten Kapiteln erklärt Ambühl Schritt für Schritt, wie Drohnenschnitt, „Drohnenschlacht“ (die Trennung der Brut vom Wabenwachs), Entnahme, Lagerung, Transport und hygienische Verarbeitung der Drohnenbrut ablaufen, ergänzt um Hinweise zu Bezugsquellen für Imkerinnen und Imker, die selbst keine eigenen Völker betreuen. Dieser Teil richtet sich explizit an eine handelnde Leserschaft – nicht nur an Interessierte, sondern an potenzielle Produzentinnen und Produzenten, ganz im Sinn von Ambühls wiederkehrendem Aufruf zur „Selbstermächtigung“: Wer nicht auf eine träge Regulierung warten will, soll selbst tätig werden. Die Sprache ist hier deutlich sachlicher und knapper als in den essayistischen Kapiteln, was dem Buch eine willkommene Abwechslung im Lesefluss verschafft und seinen doppelten Anspruch – Diskursbeitrag und Gebrauchsanleitung zugleich zu sein – überzeugend einlöst.

REZEPTE: EINE NEUE ZUTAT IN VERTRAUTEN FORMEN

Der Rezeptteil, gegliedert in entomovegane Küche, Suppen, Hauptgerichte, Snacks, Desserts und einen Longdrink, versammelt rund zwanzig Original-Kreationen, deren verspielte Namen – „Immentaler Zaubertrank“, „Sopa Primordial“, „Flüssiges Bienenhaus“, „Beeburger“, „Kebeeb“, „Beesteak“, „Beekeepers Pancake“, „Bienennudeln Burro e Salvia“, „Beecracker“, „Majanaise“ – zeigen, dass es Ambühl nicht um nüchterne Nährstoff-Optimierung geht, sondern um kulinarischen Genuss und Wiedererkennbarkeit: Viele Rezepte übersetzen bekannte Gerichte (Burger, Kebab, Steak, Mayonnaise, Pfannkuchen, Pasta mit Salbeibutter) in eine Version mit Drohnenbrut als Zutat, was die neue, ungewohnte Zutat bewusst in vertraute kulinarische Formen einbettet, statt sie als exotische Mutprobe zu inszenieren – eine Strategie, die exakt der eigenen Analyse aus dem ersten Buchteil entspricht: Stigmatisierte Nahrungsmittel werden eher akzeptiert, wenn sie in einer bereits vertrauten Form auftreten. Die Rezepte selbst sind, soweit im extrahierten Text erkennbar, mit konkreten Mengenangaben, Zubereitungsschritten und häufig mit Herkunfts- oder Entstehungsgeschichten der jeweiligen Kreation versehen, was dem Rezeptteil auch dort, wo die einzelne Zubereitung nicht sofort ausprobiert wird, einen erzählerischen Mehrwert gibt.

Namensgebungen wie „Beezzeria“ für den mobilen Food-Stand, mit dem Ambühl auf Strassenfestivals wie den Berner Buskers auftrat, oder das aus dem Japanischen entlehnte „Hachi-no-ko“ für die erste veröffentlichte Zubereitungsart zeigen zudem, dass der Autor sein Projekt bewusst als Marke mit Wiedererkennungswert aufgebaut hat, was dem Buch über die reine Rezeptsammlung hinaus eine gewisse unternehmerische, fast Start-up-artige Energie verleiht.

Wie eng Rezept und Polemik im Buch verzahnt sind, zeigt exemplarisch der „Beeburger“: Bevor überhaupt eine Zutat genannt wird, zitiert und zerlegt Ambühl genüsslich eine Stellungnahme des Schweizer Fleischerverbands, der vegetarischen Produkten das Recht auf Bezeichnungen wie „Burger“, „Steak“ oder „Schnitzel“ abspricht, weil „Fleisch“ per Definition von warmblütigen Tieren stamme – und kontert mit der bewusst überspitzten Frage, weshalb dann Kutteln, Leber oder Hirn als Fleisch gelten dürfen, Insektengewebe aber nicht. Erst nach dieser mehrseitigen, süffisant vorgetragenen Volte folgen die eigentliche Zubereitung – gegrillte, entwässerte Auberginen, aufgetaute Bienenpuppen, Zwiebeln, Gewürze und Brotbrösel werden zu einer formbaren Masse verarbeitet und wie ein klassischer Burger gebraten – und eine präzise Zutatenliste mit Grammangaben. Das „Kebeeb“, eine an den Dönerspiess angelehnte Variante derselben Grundmasse, verbindet auf ähnliche Weise eine kurze kulturhistorische Einordnung des Kebabs als globales Streetfood-Phänomen mit konkreten Anleitungen zu Marinade und Grillzeit. Diese Struktur – erst Diskurs, dann Rezept – wiederholt sich über weite Strecken des Rezeptteils und macht deutlich, dass Ambühl auch beim Kochen nie rein instruktiv bleiben will, sondern jedes Gericht als Gelegenheit zur Fortsetzung seiner grundsätzlichen Argumentation nutzt.

HINTERGRUND: POLITIK, MARKT UND DIE GRENZEN AMTLICHER VERNUNFT

Der vierte und in seiner Direktheit bemerkenswerteste Buchteil verlässt endgültig die Küche und wird zur staatskritischen Analyse. In „Politik“ rekonstruiert Ambühl detailliert den Weg vom FAO-Bericht „Edible Insects – Future prospects for food and feed security“ von 2013 über die Revision der EU-Novel-Food-Verordnung bis zur Schweizer Zulassung von Mehlwurm, Grille und Wanderheuschrecke im Mai 2017. Er zeigt, wie sich Belgien und die Niederlande mit ihrer pragmatischen „Belgischen Liste“ als First Mover positionierten, während die Schweiz zunächst gar keinen eigenen Bericht einreichte, und kritisiert den 2015 erschienenen EFSA-Bericht als methodisch verengt: Er behandle sämtliche Insektenarten pauschal wie mikrobiologisch riskante Produkte, obwohl etwa Bienenbrut – anders als etwa Grillen mit ihrem zu entfernenden Darminhalt – in sauberen, verdeckelten Wabenzellen heranwächst und mikrobiologisch anders zu bewerten wäre als offen lebende Insekten.

„Innovation“ widmet sich der paradoxen Situation, dass Forschungsförderung für essbare Insekten faktisch nicht stattfindet, weil der rechtliche Markt noch fehlt, während gleichzeitig etablierte Institutionen wie die Kommission für Technologie und Innovation (KTI) strukturell auf bereits existierende Marktnachfrage angewiesen sind – ein Henne-Ei-Problem, das Ambühl unter anderem am Beispiel des stillstehenden Forschungsprojekts „Food from Wood“ illustriert, dem trotz Unterstützungsschreiben von FAO und Stadt Zürich keine Stiftung Fördergelder zusprach.

„Medien“ liefert eine pointierte Medienkritik: Ambühl kontrastiert die reisserische, stigmatisierende Darstellung von Insekten in Dschungelcamp-artigen Unterhaltungsformaten mit dem fast vollständigen Fehlen von Fachjournalismus mit „Tiefgang“ zum Thema – eine Leerstelle, die er unter anderem auf die Abhängigkeit klassischer Medien von grossen Werbeetats zurückführt. „Landwirtschaft“ entwirft die Vision einer zukünftigen Landwirtschaftsausbildung, in der Haltung und Zucht essbarer Insekten selbstverständlicher Lehrstoff wären, und stellt süffisant fest, dass die derzeit kompetentesten Fachleute nicht aus offiziellen Institutionen, sondern aus der Hobbyzüchter-Szene für Käfer, Schmetterlinge und Gliedertiere stammen – ein Plädoyer für „Citizen Science von der Basis her“.

„Gesundheitsrisiken“ differenziert präzise zwischen den beiden real bestehenden Risiken – Toxizität einzelner Arten und mechanische Verletzungsgefahr durch Chitin-Strukturen – und der überzogenen pauschalen Vorsicht der Regulierungsbehörden, wobei Ambühl mit dem Hinweis, dass jede EU-Bürgerin und jeder EU-Bürger ohnehin jährlich rund 500 Gramm Insektenbestandteile unbemerkt mit der Nahrung aufnimmt, die Dramatik der öffentlichen Debatte relativiert. „Markt und Preise“ und „Handel in der Grauzone“ liefern konkrete Zahlen zu Marktpreisen verschiedener Speiseinsekten und beschreiben den bereits florierenden, weitgehend unregulierten Online-Handel, der laut Ambühl gerade wegen der verzögerten offiziellen Zulassung floriert – mit dem Risiko unklarer Herkunft und Qualität, das eine klare, informierte Zulassungspolitik eigentlich vermeiden liesse.

Den Abschluss bildet „Der vernünftige Weg“, in dem Ambühl vier eigene Grundsätze formuliert – Fokus auf holometabole Insekten ohne Darminhalt, keine Konkurrenz zu menschlichen Grundnahrungsmitteln als Futterquelle, Bio- und Fair-Trade-Standards, Priorität des Lebensmittelmarktes vor dem Tierfuttermarkt – die er explizit mit den FAO-Zielen und gängigen politischen Nachhaltigkeitsprogrammen in Einklang bringt. Der Schluss ist programmatisch: kein Aufruf zu neuen Subventionen oder Bewilligungsverfahren, sondern zur Eigeninitiative – „Let it bee!“

STIL UND STIMME: SACHBUCH ALS PERSÖNLICHES MANIFEST

Was „Beezza!“ von einer nüchternen Fachpublikation unterscheidet, ist die durchgehend präsente, unverkennbar persönliche Stimme des Autors. Ambühl erzählt seine eigene Projektgeschichte – von den ersten YouTube-Rezeptvideos über öffentliche Auftritte mit der mobilen „Beezzeria“ bis zur Mitorganisation der Zürcher Skyfood-Konferenz – in einem Ton, der zwischen sachlicher Wissenschaftskommunikation, aktivistischem Pathos und bissiger Ironie wechselt. Besonders markant ist ein humoristischer Exkurs gegen Ende des Buches, in dem er Veranstalterinnen und Veranstaltern von Bienenfood-Events augenzwinkernd rät, bei behördlichen Problemen ihre Veranstaltung kurzerhand zur „Kunstperformance“ nach Artikel 21 der Bundesverfassung zu erklären und sich dabei auf Joseph Beuys’ „Honigpumpe“ zu berufen – ein Beispiel für den unverwechselbaren, streitbaren Humor, der das Buch durchzieht und es klar von trockener Ratgeberliteratur abhebt.

Diese Nähe zum Autor als Person – man erfährt viel über seine persönlichen Kontakte, Reisen, Enttäuschungen mit Behörden und Verbänden – macht das Buch einerseits lebendig und glaubwürdig, weil die Argumentation erkennbar aus jahrelanger eigener Praxis und Netzwerkarbeit gespeist ist. Andererseits verwischt sie mitunter die Grenze zwischen sachlicher Information und persönlicher Abrechnung, etwa wenn Ambühl konkrete Institutionen (das Schweizer Fernsehen, den Imkerverband Apisuisse, eine deutsche Fachtagung) namentlich für vermeintlich unbegründete Ablehnungen kritisiert. Wer eine strikt neutrale Sachdarstellung erwartet, wird diese streitbare, subjektive Grundhaltung mitunter als redaktionelle Zuspitzung empfinden; wer hingegen ein Buch mit erkennbarer Haltung und Haut im Spiel sucht, wird genau darin die Stärke des Werks erkennen.

KRITISCHE EINORDNUNG

Bei aller Kenntnisreichtum und Überzeugungskraft ist der Band nicht frei von Schwächen. Die Argumentation folgt konsequent der Perspektive des Autors als engagiertem Praktiker und Aktivisten; Gegenpositionen – etwa die Bedenken der EFSA zu mikrobiologischen Risiken oder die Position des Imkerverbands, das Thema sei der breiten Bevölkerung noch nicht vermittelbar – werden zwar benannt, aber selten in ihrer eigenen Logik ernsthaft gewürdigt, sondern meist rasch als vorauseilende Ängstlichkeit oder Lobbyinteresse abgetan. Das mag in der Sache berechtigt sein, schwächt aber die Überzeugungskraft für Leserinnen und Leser, die eine ausgewogenere Darstellung der regulatorischen Vorsicht erwarten. Auch die Kapitelstruktur – vier klar getrennte, aber sehr unterschiedlich lange und unterschiedlich tonale Teile – macht das Buch streckenweise zu einem Nebeneinander mehrerer Textsorten (Naturkunde-Essay, Anleitung, Rezeptsammlung, politisches Pamphlet) statt zu einem durchkomponierten Ganzen; wer nur kochen möchte, muss sich durch teils polemische Kapitel zur Lebensmittelpolitik hindurchblättern, und wer nur die politische Analyse sucht, findet sie erst im letzten Buchdrittel.

Diese Eigenheiten sind jedoch – bei einem Buch, das explizit ein persönliches Projekt und keine akademische Studie sein will – eher Kennzeichen seines Genres als eigentliche Mängel. Ambühl macht von Anfang an transparent, dass es ihm um Überzeugungsarbeit für eine konkrete Sache geht, nicht um eine neutrale Bestandsaufnahme des Forschungsstandes.

Eine weitere Einschränkung betrifft die Zugänglichkeit des zentralen Rohstoffs selbst: Wer nicht bereits imkert oder eine Imkerei in der Nähe hat, kann die meisten Rezepte mangels legal erhältlicher Drohnenbrut kaum nachkochen – der Graumarkt, den das Buch selbst beschreibt, bleibt für Gelegenheitsleserinnen und -leser wenig praktikabel, und der amtlich zugelassene Bezugsweg, den Ambühl fordert, existierte zum Erscheinungszeitpunkt des Buches gerade nicht. Das Buch ist damit stellenweise eher Vision und Aufruf als sofort umsetzbares Kochbuch, was seiner intellektuellen Stringenz keinen Abbruch tut, aber bei der praktischen Erwartungshaltung mitbedacht werden sollte.

BILDSPRACHE: EIN DOKUMENTARISCHES FOTOBUCH

Nicht zu unterschätzen ist die visuelle Seite des Buches: Über zweihundert Fotografien – von Nahaufnahmen einzelner Drohnenwaben über Porträts von Imkerinnen, Insektenforschern und Marktständen in Thailand bis zu Bildern der eigenen „Beezzeria“ an Schweizer Strassenfestivals – begleiten den Text auf nahezu jeder Doppelseite. Diese Dichte an dokumentarischem Bildmaterial macht „Beezza!“ streckenweise zu einem Fotobuch mit Textbegleitung statt umgekehrt, und sie erfüllt eine wichtige argumentative Funktion: Wo die Texte im „Wissenswertes“-Teil abstrakte Behauptungen über die Grösse der Riesenhonigbiene oder das Aussehen einer Drohnenwabe machen, liefert das jeweils nebenstehende Foto den unmittelbaren Beleg. Die Bildlegenden sind durchgehend informativ und oft selbst kleine Sachtexte, die Fundort, Datum, fotografierende Person und fachlichen Kontext nennen – ein Zeichen für die dokumentarische Sorgfalt, mit der Ambühl sein Material über Jahre gesammelt hat, von der thailändischen Expedition zu den Bienenbäumen bis zu den Schweizer Lehrbienenständen. Wer das Buch vor allem als Argumentationshilfe für Gespräche mit skeptischen Imkerkolleginnen oder Behördenvertretern nutzen möchte, findet in diesem Bildmaterial ein ebenso wichtiges Werkzeug wie in den Textkapiteln selbst.

EINORDNUNG IM GESAMTWERK

„Beezza!“ nimmt in Ambühls Bibliografie eine Scharnierstellung ein. Die Erstausgabe erschien 2016, drei Jahre vor dem umfassenderen Standardwerk „Skyfood – Essbare Insekten. Vom Wildfang zur Landwirtschaft“ und rund sechs Jahre vor „Chéniculture et Reforestion“, dem gemeinsam mit Augustin Konda verfassten Fachbuch über die Domestizierung von Speiseraupen im Kongo. Viele der argumentativen Bausteine, die diese späteren Werke prägen – die Kritik an einer zufälligen, industriegetriebenen Artenauswahl bei der Zulassung von Speiseinsekten, die Betonung bereits vorhandener, nur ungenutzter Ressourcen, die Verbindung von naturwissenschaftlicher Genauigkeit mit politischem Engagement – sind in „Beezza!“ bereits vollständig angelegt, hier aber auf einen einzigen, sehr konkreten Fall zugespitzt: die Drohnenbrut der Honigbiene. Wer Ambühls spätere, umfangreichere Sachbücher oder seine literarischen Werke wie „Blaue Früchte“ liest, in denen essbare Raupen und Insekten immer wieder als kulturelles und ökologisches Motiv auftauchen, findet in diesem frühen, kompakten Band den Ursprung dieser Themenwelt und zugleich einen Vorgeschmack auf den unverkennbaren Ton, der Ambühls gesamtes Schaffen prägt: die Verbindung von Feldforschung, politischer Streitlust und unverhohlener Freude an der Sache selbst.

ZIELPUBLIKUM UND FAZIT

„Beezza! Das Bienenkochbuch“ eignet sich für ein ungewöhnlich breites, aber klar umrissenes Publikum: Imkerinnen und Imker, die eine bisher weggeworfene Ressource neu bewerten wollen, finden hier sowohl die wissenschaftliche Begründung als auch eine konkrete Anleitung zur Nutzung. Wer sich für Entomophagie, alternative Proteinquellen oder nachhaltige Landwirtschaft interessiert, erhält eine fundierte, mit FAO-Berichten und EU-Regulierung argumentierende Einführung, garniert mit lebendigen ethnografischen Einblicken. Und wer einfach neugierig kochen möchte, findet zwanzig originelle, in vertraute Formen übersetzte Rezepte. Verbunden werden diese drei Zielgruppen durch eine durchgehend präsente, streitbare Autorenstimme, die aus dem Buch mehr macht als eine Sammlung von Fakten und Zubereitungsarten: ein persönliches Plädoyer dafür, ein bereits vorhandenes, aber amtlich ignoriertes Lebensmittel endlich zu nutzen, statt es weiter zu kompostieren. Als eines von Ambühls frühen Werken (Erstausgabe 2016, hier in zweiter deutscher Ausgabe von 2018) markiert „Beezza!“ zugleich den Ausgangspunkt für sein späteres, umfangreicheres Sachbuch „Skyfood – Essbare Insekten“ und für seine Praxisarbeit im Kongo zur Domestizierung von Speiseraupen – wer Ambühls Gesamtwerk verstehen will, findet in diesem kompakten, streitbaren Erstling bereits sämtliche Grundmotive versammelt, die sein späteres Schaffen prägen sollten.

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