Die Heilige Insel ist eine fortlaufende, autobiografisch grundierte Erzählreihe von Daniel Ambühl. Sie begann unter dem Titel Das letzte Bild und trägt seit der zweiten, korrigierten Auflage von Band 2 den Namen Die Heilige Insel; Band 1 trägt seither den Untertitel Das letzte Bild. Im Zentrum steht Danielos, das literarische Alter Ego des Autors, auf seinen Reisen zur griechischen Insel Patmos und darüber hinaus — ein loser, aphoristischer Streifzug durch Natur, Mythologie, Antike und Gegenwart, in dem sich Beobachtung, Erinnerung und philosophisches Gespräch stetig verweben. Wiederkehrende Gesprächsfiguren wie Sokrates und Aristophanes treten Danielos als Stichwortgeber und Widerpart zur Seite; mit Band 3 kommt zudem die parallele, im Jahr 2064 angesiedelte Geschichte um die Figur Studer hinzu.
Die Reihe ist auf fünf Bände angelegt. Band drei und vier bestehen aus je zwei eigenständigen Teilbüchern. Der fünfte, den Bogen abschliessende Band ist derzeit in Arbeit: Darin wird das Theaterstück Morija, das bis dahin aus vier Akten bestand, um zwei weitere Akte erweitert und damit vollendet, während sich die Geschichte von Studer mit den verschollenen Theaterstücken des Aristophanes verbindet.
Eine Insel, ein Rucksack, kein Gepäck — und ein Bild, das erst noch gemalt werden muss. Danielos reist nach Patmos und findet dort mehr, als er gesucht hat.
Mit leichtem Gepäck und schwerem Kopf reist Danielos von einem Schweizer Waldcampingplatz über Athen und Piräus nach Patmos, der Insel, auf der einst die Apokalypse des Johannes niedergeschrieben wurde. In der Villa Zacharo, seinem Quartier nahe dem Hafen von Skala, begegnet ihm ein rätselhaftes, dunkles Gemälde, das ihn nicht mehr loslässt und dem Buch seinen Titel gibt. Von dort aus entfaltet sich ein loses Geflecht aus Beobachtungen — Meisen am Futterplatz, abgerissene Plakate im Bahnhofstunnel, Ziegen in sechs Kapiteln verteilt, Höhlen, Tempelreste der Artemis, die Spuren des Propheten Johannes und seines Schreibers Prochoros. Dazwischen: Tischgespräche vor der Villa Zacharo, an denen sich unversehens Sokrates und Aristophanes gesellen und mit Danielos über Theater, Narrative und die Deutungshoheit der Geschichten streiten, die wir uns erzählen. Die Reise führt auch über Patmos hinaus, nach Montenegro, ehe der Kreis sich am Ende wieder schliesst: Das titelgebende Bild ist im Grunde längst fertig — es muss nur noch gemalt werden.
Die Insel der Apokalypse eröffnet die Reihe mit einer Erzählhaltung, die für das gesamte Werk charakteristisch bleiben wird: ein wacher, oft ketzerisch-ironischer Blick auf Natur und Kultur, der sich nie lange bei einem Gegenstand aufhält, aber immer wieder zu denselben Fragen zurückkehrt — nach der Berechtigung des Menschen, sich über die übrige Natur zu erheben, nach der Beliebigkeit religiöser und kultureller Überschreibungen, nach dem, was von einer Geschichte übrig bleibt, wenn man sie oft genug neu erzählt hat. Die titelgebende Bildmetapher — das «letzte Bild», das sich im Lauf des Buches als das Buch selbst entpuppt — verleiht dem assoziativen, tagebuchartigen Vorgehen einen leisen roten Faden, ohne die Offenheit der Form zu verraten.
Prägend ist der Auftritt von Sokrates und Aristophanes als Tischgesellschaft vor der Villa Zacharo: Der antike Dialog wird beiläufig in die griechische Gegenwart hineingestellt, mit hintersinnigem Humor und ohne akademischen Ballast. Ergänzt wird der Band durch die kurzen, ungeschönten Sentenzen des 2020 verstorbenen Georg Paulmichl, die den Kapiteln als Motti vorangestellt sind. Wer einen linear erzählten Reisebericht erwartet, wird stattdessen ein Mosaik aus Landschaft, Mythos und Gespräch vorfinden.
Zwischen einem Wasserfass voller Mückenlarven, einer Wasserschlange vor Kreta und einem Pilzlabor mitten in Afrika: Danielos malt sein Bild zu Ende — und die Welt bleibt ihm doch nicht still.
Vom Wohnwagen in Landquart aus, wo Danielos Goldfische zur Mückenbekämpfung hält, führt die Reise diesmal zunächst nach Kreta, an die Bucht von Sisi bei Malia, wo ihm im flachen Wasser eine Wasserschlange begegnet und ein griechischer Strandwächter von Krokodilgerüchten erzählt. Den grössten Teil des Bandes nimmt jedoch ein eingeschobenes Reisetagebuch ein: Danielos fliegt nach Afrika, um dort ein Pilzlabor mit HEPA-Filtern aufzubauen, und hält seine Beobachtungen zu Bürokratie, Entwicklungshilfe, Menschen und Landschaft in Tagebuchform fest. Zurück in Kreta und schliesslich wieder auf Patmos, vollendet er endlich das Gemälde, das ihn seit Band 1 begleitet hat. Zuhause in Landquart angekommen, erwartet Danielos ein denkwürdiger Empfang: Sämtliche Vögel des Waldes sitzen versammelt am Wasserfass und berichten ihm aufgeregt von der Rache eines bronzenen Mückengottes.
Schiefes Meer ist der umfangreichste und geografisch weitläufigste Band der bisherigen Reihe: Er verlässt Patmos zeitweise ganz und stellt der griechischen Inselwelt ein langes, eigenständiges Afrikatagebuch zur Seite, das den gewohnten Ton beibehält, sich aber deutlich politischer und bissiger zeigt. Diese Verschachtelung — Reise in der Reise, Tagebuch im Tagebuch — ist formal mutig und macht den Band zugleich zum anspruchsvollsten der Serie.
Den roten Faden liefert einmal mehr das titelgebende Bild aus Band 1, das hier tatsächlich fertig gemalt wird. Auch das komödiantische Element kehrt wieder, diesmal als Versammlung sämtlicher Waldvögel: ein typisches Beispiel für die Fähigkeit des Autors, das Hochphilosophische und das Alberne im selben Atemzug zu verhandeln.
Von einer Wallfahrt zu Georg Paulmichls Heimatdorf über eine Zukunftsvision im Jahr 2064 bis zurück nach Afrika: Danielos wird zum verbeulten Pilger auf gleich mehreren Pfaden.
Der dritte Band beginnt mit einer eigentlichen Wallfahrt: Gemeinsam mit seiner Schwester Ursula fährt Danielos nach Agums bei Prad im Vinschgau, um die Kirche aufzusuchen, die dem 2020 verstorbenen Georg Paulmichl zur Heimat wurde. Parallel dazu entfaltet sich erstmals die Erzählung um Studer, der im Jahr 2064 in der Praxis eines Psychologen namens Xarakis sitzt und nicht mehr weiss, wer er ist — ein neuer, spekulativer Erzählstrang, der sich durch die kommenden Bände ziehen wird. Dazwischen: Jakobsweg-Reflexionen, ein Besuch im «blauen Wartezimmer», Paraskevi, Waldau — und erneut ein langes Afrikatagebuch, bevor Studers Geschichte in einem zweiten Teil weitergeht.
Mit Verbeulte Pilger — dem ersten Teil des dritten, nun unter dem Reihennamen Die Heilige Insel geführten Bandes — erweitert sich das Personal der Reihe entscheidend: Neben Danielos, Sokrates und Aristophanes tritt mit Studer eine Figur auf, die vierzig Jahre in der Zukunft angesiedelt ist. Die Pilgerfahrt nach Agums, zu den Wurzeln des im ganzen Werk zitierten Georg Paulmichl, gibt dem sonst so assoziativen Erzählen einen anrührend persönlichen, fast privaten Ankerpunkt.
Von Patmos über Samos, Ephesos und Troja bis nach Istanbul: Der zweite Teil folgt den Spuren des Apostels Johannes — und Studers Geschichte nimmt eine überraschende Wendung.
Der zweite Teil führt die grosse Ägäis-Reise fort: von Patmos über Samos und Pythagorio, weiter nach Kusadasi, Ephesos, Klaros, Milet und schliesslich nach Troja und Istanbul. Durchzogen wird die Reise von der siebenteiligen «Akte Johannes» — einer Auseinandersetzung mit der apokryphen Überlieferung um den Apostel Johannes von Patmos — sowie von Studers Apokalypse, die in Teil 3 und 4 weitergeht.
Wo der erste Teil die Pilgerreise ins Persönliche wendet, öffnet der zweite Teil den Raum ins Historisch-Mythologische: Die Fahrt entlang der kleinasiatischen Küste macht Die Heilige Insel endgültig zu einer Reise durch Schichten der Antike. Verbeulte Pilger schliesst damit den bisher ambitioniertesten Doppelband der Reihe ab.
Als die Seidenraupen-Zucht im Kongo zusammenbricht, reist Danielos nach Thailand, um neue Eier zu besorgen — und schreibt nebenbei einen Brief an die Zürcher Justiz, der um nichts weniger bittet als die eigene Verhaftung.
Der vierte Band beginnt mit einer Katastrophe: Im Mbinzo-Zuchtprojekt im kongolesischen Kilueka ist die Population der Eri-Seidenraupe Samia ricini nach über 60 Generationen verloren gegangen. Danielos reist nach Thailand, um neue Eier aufzutreiben. Parallel dazu läuft «Studers Apokalypse» weiter. Den Abschluss bildet ein Anhang mit dem programmatischen Titel «Ich will in den Knast» — ein bitterböser, ironischer Brief an die Zürcher Behörden.
Der erste Teil verlagert den Schwerpunkt der Reihe merklich: Statt der griechischen Inselwelt steht zunächst das globale Netzwerk hinter Danielos’ Insekten- und Entwicklungsprojekten im Zentrum. Den eigentlichen Höhepunkt bildet der angehängte Behördenbrief — ein Musterbeispiel für den zivilen, bewusst überspitzten Widerstandshumor des Autors.
Zwischen Blockchain-Satire und Zaubererlegenden von Patmos: Der zweite Teil begibt sich auf die Spuren des Apostels Johannes und seiner Wunder — und lässt Studers Apokalypse in ihre letzte, entscheidende Phase eintreten.
Nach der bissigen Kryptowährungs-Satire «Block’n’Roll» kehrt der zweite Teil ausführlich nach Patmos zurück: In fünf grossen Tagebuch-Etappen erzählt Danielos von Begegnungen, die eng an die apokryphe «Akte Johannes» angelehnt sind — die Konfrontation mit dem Zauberer Kynops, das Volk der Mersiner, Heilungswunder und der Auftritt eines zweiten Magiers, Noetianus.
Der zweite Teil kehrt mit Wucht zum mythologisch-religiösen Kern der Reihe zurück. Dass «Studers Apokalypse» hier in fünf Kapiteln kulminiert, deutet an, dass dieser Erzählstrang sich seinem Höhepunkt nähert — passend zur Ankündigung, dass Studers Geschichte im fünften und letzten Band mit den verschollenen Theaterstücken des Aristophanes zusammengeführt wird.
Im fünften und letzten Band wird das Theaterstück Morija, das bis dahin aus vier Akten bestand, um zwei weitere Akte erweitert und damit vollendet. Ausserdem wird die Geschichte von Studer mit den verschollenen Theaterstücken des Aristophanes zusammengeführt.