Diese Titel sind bei Skyfood erschienen. Jeder Titel hat eine eigene Seite mit Kurzfassung, Zusammenfassung und ausführlicher Besprechung.
Vier Erzählungen, vier Zeiten, ein gemeinsamer Takt: der Schritt auf dem Weg. Ein Mädchen aus Amerika landet 1528 im Rhein und stellt Basels Stadtwächter, einen Basilisken, zur Rede. Ein blinder Mann verlässt sein Land der ewigen Wahrheit und lernt sehen. Ein Mönch sucht in den Bergen einen Heiligen und findet einen Schwindler — oder doch nicht. Und eine Auswandererin webt aus Seide ein Leben, das niemand für sie vorgesehen hatte. Alle vier Geschichten sind ursprünglich für Bildwege entstanden — Daniel Ambühls Kunstform des begehbaren Bildes — und erzählen entsprechend von Aufbrüchen, Häutungen und der Wärme, die bleibt, wenn man den eigenen Weg findet.
«Warme Füsse» versammelt vier eigenständige Erzählungen, die sich lose um ein gemeinsames Thema legen: das Gehen als Lebensform, als Flucht, als Suche nach Wahrheit. Alle vier sind ursprünglich als Texte zu Bildwegen entstanden — dem von Daniel Ambühl entwickelten «demokratischen Kunstwerk», bei dem sich ein Bild erst durch das gemeinsame Gehen von Künstler und Publikum vollendet (mehr dazu im Anhang des Buches sowie unter bildweg.ch).
In Septima und Sebastian — geschrieben für den Bildweg Basel 2003 — spült der Rhein im Basel des Jahres 1528 ein Mädchen namens 7-Hirsch an Land, das eigentlich aus dem untergehenden Reich der Mixteken stammt. Gemeinsam mit den Waisenkindern der Stadt stellt sie den Basilisken, Basels gefürchteten Stadtwächter, zur Rede — und deckt auf, wessen Schätze wirklich in der Stadt liegen.
Die Wandtafel in der Blindenschule, entstanden für den Bildweg Ludwigsburg, führt in das Land Rutan, dessen Bewohner allesamt blind sind und glauben, alles, was sie begehren, entstehe allein durch ihren Willen. Als ein junger Mann die Grenze übertritt, entdeckt er das «Unland» dahinter — und mit ihm die bittere Wahrheit, wovon Rutan eigentlich lebt.
In Der Brennesselmann, der Erzählung zum Bildweg im Hoch-Ybrig ob Oberiberg, macht sich ein Novize im Auftrag seines Abtes auf, einem legendären Einsiedler in den Bergen Wintervorräte zu bringen. Zwischen königlicher Leibgarde, einer Schmetterlingssekte und einem Mann, der sich als der Gesuchte ausgibt, verschwimmt zunehmend, was wahr ist und was Inszenierung.
Die Seide vom Walensee schliesslich, die jüngste der vier Geschichten und geschrieben für den 2016 eröffneten Bildweg Walensee, erzählt, ausgehend von zwei geerbten Kochrezepten, die wahre Geschichte der Maria Johanna Tschudi: Sie verweigert sich der Auswanderung ihrer Familie nach Amerika, bleibt am Walensee zurück und baut sich dort mit Seidenraupenzucht und Weberei ein eigenes, kurzes, intensives Leben auf.
Vier Erzählungen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben — ein spätmittelalterliches Basel voller Fabelwesen, eine dystopische Parabel über ein Volk von Blinden, eine alpine Schwindler- und Sektengeschichte, eine akribisch recherchierte Familienchronik aus dem Glarnerland des 19. Jahrhunderts — und die doch, liest man sie hintereinander, ein gemeinsames Rückgrat freilegen: das Gehen selbst als Erkenntnisform. Das ist kein Zufall: Alle vier Texte sind für Bildwege geschrieben, jene von Daniel Ambühl seit 1995 realisierte Kunstform, bei der Teilnehmende auf einem mehrstationigen Weg mit Wachskreide Reliefbilder von sieben Bildsäulen abreiben und diese Teilbilder erst am Ende zu einem achten, zuvor nirgends sichtbaren Bild zusammenfügen — ein Kunstwerk, das buchstäblich im Gehen entsteht. Wer mehr über dieses Format erfahren möchte, findet im Anhang dieses Buches einen eigenen Text dazu sowie unter bildweg.ch weiterführende Dokumentation.
In Septima und Sebastian, geschrieben für den Bildweg Basel 2003, der vier Monate lang durch die Basler Innenstadt führte, ist diese Struktur noch wörtlich zu spüren: Die Erzählung ist in «Stationen» gegliedert, die den sieben realen Stationen des Weges durch die Altstadt entsprechen — vom Rheinufer über die Pfalz bis zum Rathaus. Der Text collagiert Reformationsgeschichte, Kolonialismuskritik und Volksmärchen zu einer Erzählung, die nie moralisierend wird, obwohl sie es könnte: Wenn der Basilisk — der die Herkunft jedes Gegenstands kennt und damit unweigerlich Diebstahl, Ausbeutung und Lüge freilegt — den Ratsherren ihre eigenen Reliquien und Orden vorhält, trifft die Erzählung einen Nerv, der bis heute reicht, ohne die Fabelhaftigkeit des Settings zu verlassen.
Die Wandtafel in der Blindenschule, die Erzählung zum Bildweg Ludwigsburg, ist demgegenüber die philosophisch dichteste der vier Texte: eine Parabel, die an Platons Höhlengleichnis ebenso erinnert wie an Ideologiekritik im engeren Sinn. Das Land Rutan, dessen blinde Bewohner glauben, ihr Wunsch allein erschaffe die Dinge, entlarvt sich als Sklavenhaltersystem, dessen «Wollen» in Wahrheit fremde Arbeit voraussetzt. Die eigentliche erzählerische Volte liegt jedoch woanders: Die sprechenden Wandtafeln, das kostbarste Gut jedes Rutaners, entpuppen sich am Ende als Frauen — stumme Begleiterinnen, deren Menschlichkeit von den Männern nie erkannt wurde, weil sie sie nie berühren durften.
Der Brennesselmann, die Erzählung zum Bildweg im Hoch-Ybrig ob Oberiberg, ist die atmosphärisch dichteste Erzählung: eine Wanderung durch die Innerschweizer Bergwelt, deren Realismus (Alpabfahrten, Truppenbewegungen, Sennenweisheit) mit einer zunehmend unheimlichen, an Hesse und an Gnostizismus erinnernden Bildwelt der Verpuppung und Häutung verschmilzt. Die im Text beschriebene Route durchs Laucherentobel zur Fuederegg lässt sich mit den Bildweg-Unterlagen tatsächlich begehen. Die Pointe — dass der wahre Brennesselmann vielleicht nie greifbar ist, weil er selbst zum Prinzip der Verwandlung geworden ist, während sein Imitator Alois verhaftet wird — lässt bewusst offen, was Betrug und was Erleuchtung war.
Die Seide vom Walensee, geschrieben für den 2016 eröffneten Bildweg Walensee mit seinen sieben Stationen zwischen Murg, Mühlehorn und Quinten, bricht schliesslich mit dem Fabelhaften der anderen drei Texte vollständig und wird zur genau recherchierten historischen Erzählung, eingebettet in eine autobiografische Rahmenhandlung um zwei geerbte Kochrezepte. Gerade dieser Kontrast macht den Text zu einem starken Schlussstück: Die Geschichte der Maria Johanna Tschudi, die sich der Auswanderung nach Amerika verweigert, am Walensee eine verbotene Liebe und eine Seidenzucht aufbaut und mit 34 Jahren im Kindsbett stirbt, ist ohne jede Fantastik erzählt — und wirkt dadurch nicht weniger, sondern womöglich noch berührender als die drei vorangehenden Fabeln.
Wer diese vier Erzählungen zusammen liest, erkennt: «Warme Füsse» ist kein zufälliges Sammelsurium, sondern ein Buch über das Verlassen von Systemen — seien es Stadtmauern, Wege-Ideologien, religiöse Inszenierungen oder Auswandererschiffe — und über das, was am eigenen, selbstgewählten Ort daraus wachsen kann. Wer die zugrunde liegenden Bildwege selbst gehen möchte, findet die entsprechenden Routen und Materialien unter bildweg.ch.
Alle Titel sind als freie PDF erhältlich; gedruckte Exemplare können per E-Mail an mail@danielambuehl.ch bestellt werden.