Katalog-Nr. SKY–008

Chéniculture et Reforestion

mit Augustin Konda ku Mbuta — Vorwort von Paul Latham

Français | Novembre 2022 | 300 Seiten | über 900 Abbildungen

Kurzfassung

Der wissenschaftliche Projektbericht zum Mbinzo-Projekt in Kilueka, Kongo: mit Augustin Konda ku Mbuta co-verfasst, dokumentiert dieses französischsprachige Buch drei Jahre Feldarbeit zur Domestizierung essbarer Speiseraupen. Über 40 Arten wurden im Labor getestet und nach einem eigenen Kriterienkatalog bewertet, dazu Wiederaufforstung, ein Bäckereiprojekt zur Frauenförderung und ein Pyrolyse-Ofen für Biochar. Ein Entwicklungshilfe-Bericht mit wissenschaftlicher Genauigkeit.

Zusammenfassung

„Chéniculture et Reforestion“, im November 2022 im Skyfood Verlag erschienen und gemeinsam mit dem kongolesischen Biologen Augustin Konda ku Mbuta verfasst, ist kein klassisches Sachbuch, sondern der ausführliche wissenschaftliche Projektbericht zum „Mbinzo“-Projekt der Heilsarmee im Dorf Kilueka, Demokratische Republik Kongo – dieselbe Feldarbeit, die auch im Kilueka-Kapitel von Ambühls Standardwerk „Skyfood – Essbare Insekten“ beschrieben wird, hier aber in weit grösserer Detailtiefe dokumentiert. Ein Vorwort des britischen Agronomen Paul Latham, der die Region seit den 1980er-Jahren kennt und Konda in die Ethno-Entomologie einführte, situiert das Projekt in seiner Vorgeschichte.

Das Buch öffnet mit einer minutiösen Zeitleiste von 1985 bis 2022, die den Weg von Lathams ersten Feldbeobachtungen über die Gründung der NGO Songa Nzila IFD 2008, ein Bienenzuchtprojekt mit der belgischen APEFE, die Publikation des FAO-Reports 2013, bis zur Ankunft der ersten Samia-ricini-Eier aus Thailand 2017 und dem eigentlichen Projektstart des Chéniculture-Programms 2018 nachzeichnet.

Das Herzstück des Bandes bilden die detaillierten Domestikationsversuche: Über 40 essbare Raupenarten wurden im eigens gebauten Labor in Kilueka über mehrere Generationen gezüchtet und beobachtet. Für rund 20 der vielversprechendsten Arten – mit Namen wie Kaba (Athletes gigas), Makedikedi (Bunaea alcinoe), Ngala (Cirina forda), Minsangula, Minsendi oder Bisu – dokumentiert das Buch detailliert Eiablage, Larvenentwicklung, Verpuppung, Fütterpflanzen und Zuchterfolg, mit eigens erhobenen Statistiken (Eiablagezahlen, Schlupf-, Verpuppungs- und Schwärmzeiten) und Fotoserien. Zur systematischen Bewertung wurde ein eigener, transparent offengelegter Kriterienkatalog entwickelt – von der Fähigkeit zur Freilandpaarung über die Zahl abgeschlossener Lebenszyklen bis zur Generationenzahl pro Jahr –, mit dem jede Art auf einer Punkteskala bewertet wird. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem indischen Seidenspinner Samia ricini, dessen erste 80 aus der Schweiz mitgebrachten Kokons im November 2017 in Kilueka eintrafen und binnen weniger Wochen zu Tausenden Nachkommen führten; er dient dem Projekt als didaktisch ideales, einfach zu züchtendes Modellinsekt, dessen Kokons zugleich Ausgangspunkt für ein noch unentwickeltes Seidenprojekt sind (Kapitel „Soie africaine“).

Der zweite grosse Themenblock ist die Wiederaufforstung: In drei Projektsektoren mit dreissig Dörfern wurden „Nkunku“ genannte Gemeindewälder – traditionell brachliegende, für die Raupenzucht wichtige Waldstücke – teils unter Schutz gestellt (357 Hektar), teils neu angepflanzt (28 Hektar), mit einem Schwerpunkt auf stickstofffixierenden Akazienarten, die zugleich als Futterpflanzen für mehrere Raupenarten dienen. Das Buch dokumentiert diese Arbeit bis auf die Ebene einzelner Dörfer und der dafür verantwortlichen „Comité Chenilles“-Delegierten.

Ein weiterer, im Buch überraschend breit dokumentierter Themenstrang ist das Bäckereiprojekt von Kilueka: Aus einem ursprünglich für 5000 Dollar geplanten Vorhaben entstand über mehrere Jahre eine Bäckerei mit inzwischen über 90 – mehrheitlich weiblichen – Brotverkäuferinnen, deren monatliches Einkommen die traditionellen landwirtschaftlichen Erträge deutlich übersteigt. Das Buch erzählt anhand konkreter Fallbeispiele, wie dieses Einkommen die Stellung der Frauen innerhalb der patriarchal geprägten Dorfgesellschaft spürbar verändert.

Daniel Ambühl selbst verantwortet unter anderem das technische Kapitel zum Bau von Pyrolyse-Öfen für die rauchfreie, biokohle-produzierende Verbrennung von Pflanzenabfällen – eine Technik, die er nach eigener Aussage speziell für die Bedingungen von Kilueka entwickelt und dort in zwei Grössen bauen liess, und die unmittelbar an seine eigene, auch andernorts dokumentierte Arbeit mit Kon-Tiki-Pyrolysesystemen zur Bodenverbesserung anschliesst. Weitere Kapitel behandeln unter anderem den Bau einer Wasseraufbereitungsstation am Ngala-Bach und den historischen Kontext der Bilharziose-belasteten Lasa-Flusses.

Anders als „Skyfood“ oder „Beezza!“ ist „Chéniculture et Reforestion“ kein für ein breites Publikum geschriebenes Sachbuch, sondern ein Rechenschaftsbericht mit wissenschaftlichem Anspruch: dicht mit Statistiken, Tabellen, Datumsangaben und über 900 Abbildungen versehen, primär an ein Fachpublikum (Entomologinnen, Entwicklungshilfeorganisationen, Fördergeber) sowie an französischsprachige Leserinnen und Leser in Zentralafrika gerichtet, für die die Originalausgabe konzipiert wurde. Es ist damit die detaillierteste und technisch anspruchsvollste Primärquelle zu jenem Projekt, das in stark komprimierter Form auch in „Skyfood“ erscheint – und dessen realer Protagonist Augustin Konda ku Mbuta in Ambühls Erzählung „Kababila“ literarisch wiederkehrt.

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EINLEITUNG: EIN PROJEKTBERICHT ALS BUCH

„Chéniculture et Reforestion“ nimmt unter Ambühls Sachbüchern eine Sonderstellung ein: Anders als „Skyfood“ oder „Beezza!“, die sich an ein breites, populärwissenschaftlich interessiertes Publikum richten, ist dieses 300-seitige, französischsprachige Werk in erster Linie ein wissenschaftlicher Rechenschaftsbericht – die ausführliche Dokumentation eines konkreten, dreieinhalbjährigen Entwicklungsprojekts (2018–2022) im kongolesischen Dorf Kilueka, gemeinsam verfasst mit dem vor Ort ansässigen Biologen Augustin Konda ku Mbuta und mit einem Vorwort des britischen Agronomen Paul Latham versehen, der die Region und ihre Esskultur mit Raupen bereits seit den 1980er-Jahren erforscht. Das Buch trägt den Untertitel „Projet pionnier de domestication des chenilles de Saturniens, village de Kilueka, République démocratique du Congo“ und macht damit von der ersten Seite an klar: Es geht um wissenschaftliche Pionierarbeit, dokumentiert mit einer Genauigkeit, die weit über das hinausgeht, was Ambühls andere, für ein allgemeines Publikum geschriebene Bücher leisten.

Wer Ambühls Erzählung „Kababila“ (aus dem Band „Blaue Früchte“) oder das Kilueka-Kapitel seines Standardwerks „Skyfood – Essbare Insekten“ kennt, begegnet in diesem Buch derselben Wirklichkeit noch einmal – aber in einer völlig anderen Auflösung. Wo die literarische Erzählung Konda ku Mbuta zur Romanfigur macht und das Sachbuchkapitel eine kompakte, für Laien lesbare Zusammenfassung liefert, dokumentiert „Chéniculture et Reforestion“ dasselbe Projekt mit wissenschaftlicher Vollständigkeit: mit Datumsangaben auf den Tag genau, mit Zuchtstatistiken, mit einem eigens entwickelten Bewertungssystem für zwanzig Kandidatenarten, mit über 900 Abbildungen. Das Buch ist damit die eigentliche Primärquelle, aus der die kompakteren, literarischeren Darstellungen in Ambühls anderen Werken schöpfen.

VORGESCHICHTE UND ZEITLEISTE

Das Buch eröffnet mit einer präzisen, fast tagebuchartigen Zeitleiste, die die Vorgeschichte des Projekts von 1985 bis zum Erscheinungsjahr nachzeichnet: Paul Lathams erste Begegnung mit der Speiseraupe Achaea catocaloides zusammen mit seiner Familie in Kavuaya, die Publikation seines ersten Buchs über essbare Raupen im Jahr 2003, die Begegnung zwischen Latham und Konda 2005 über gemeinsame Publikationen zu Nutzpflanzen und Bienenweidepflanzen des Bas-Congo, die Vermittlung Kondas an die Schweizer Krankenschwester und spätere Projektpartnerin Irène Freimark Zeuch im Jahr 2007, die Gründung der NGO Songa Nzila („Zeige den Weg“) im Jahr 2008, ein Bienenzuchtprojekt mit der belgischen Organisation APEFE 2009–2011, den Start des Wiederaufforstungsprojekts „Nkunku & Bwiki“ 2011, die Publikation des einflussreichen FAO-Reports 2013 – der laut Ambühls eigener Beobachtung fast ausschliesslich auf Lathams Quellen zur DR Kongo beruhte –, bis zum eigentlichen Beginn des Chéniculture-Projekts 2018. Diese akribische Chronologie macht sichtbar, dass das im Buch dokumentierte Projekt keine spontane Initiative, sondern das Ergebnis einer über drei Jahrzehnte gewachsenen Zusammenarbeit zwischen Latham, Konda, verschiedenen NGOs und schliesslich Ambühl ist, der 2016 nach einer Begegnung mit Latham in Edinburgh in das Netzwerk eintrat.

DOMESTIKATIONSVERSUCHE: DIE WISSENSCHAFTLICHE KERNARBEIT

Das eigentliche Zentrum des Buches bilden die detaillierten Domestikationsversuche mit über vierzig essbaren Raupenarten, von denen rund zwanzig in eigenen, reich illustrierten Kapiteln einzeln porträtiert werden. Für jede Art dokumentiert das Buch mit bemerkenswerter Konsequenz: den lokalen Namen in Kikongo, die Erscheinungsform der Raupe in ihren verschiedenen Larvenstadien, die bevorzugten Futterpflanzen, die Zahl der Generationen pro Jahr, Eiablagezahlen, Schlupf-, Verpuppungs- und Schwärmzeiten (jeweils grafisch als Monatsstatistiken dargestellt), sowie eine fotografische Dokumentation aller Entwicklungsstadien. Am Beispiel von Athletes gigas, lokal Kaba oder Mikoko genannt, zeigt sich die Genauigkeit dieser Arbeit exemplarisch: Das Buch dokumentiert, dass die Weibchen im Labor bis zu 250 Eier legen, dass die Entwicklung von Ei bis Verpuppung 40 bis 60 Tage dauert, dass die erwachsenen Falter nur maximal fünf Tage leben, weil sie weder fressen noch trinken, und dass die Art unter den 25 am Lichtfallen-Standort registrierten Saturniden-Arten den neunten Platz in der Häufigkeitsliste einnimmt.

Zur systematischen Bewertung der Eignung einzelner Arten als landwirtschaftliche Nutztiere entwickelten Ambühl und Konda einen eigenen, im Buch vollständig offengelegten Kriterienkatalog: Kriterien wie die Fähigkeit zur Paarung unter Freilandbedingungen, die Zahl der im Labor und im Freien vollständig abgeschlossenen Lebenszyklen, die Generationenzahl pro Jahr und zahlreiche weitere ethologische und praktische Faktoren werden jeweils auf einer Skala von null bis drei Punkten bewertet, mit dem erklärten Ziel, transparent zu machen, welche Argumente für oder gegen eine bestimmte Art als künftiges Nutztier sprechen. Dieses System ist erkennbar ein Vorläufer oder Schwesterinstrument des in „Skyfood“ vorgestellten, umfassenderen INTI-Index, hier aber spezifisch auf die Kilueka-Artenliste zugeschnitten und noch enger mit den konkret erhobenen Felddaten verbunden.

Besondere Aufmerksamkeit widmet das Buch dem indischen Seidenspinner Samia ricini, der als didaktisches Modellinsekt für das gesamte Projekt diente. Mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit dokumentiert Ambühl den logistischen Weg von 80 in seinem eigenen Arbeitszimmer in der Schweiz auf Kirschlorbeer gezüchteten Kokons, die im November 2017 in Kilueka eintrafen: Am 30. November schlüpfte das erste Männchen, am 4. Dezember gab es bereits sieben Paare, am 2. Dezember die ersten Eier, am 10. Dezember die ersten geschlüpften Raupen – „so schnell, dass es bereits Tausende gab“, wie das Buch mit spürbarer Begeisterung festhält. Das Kapitel verortet diese Arbeit auch wissenschaftshistorisch, unter Bezug auf die massgebliche Samia-Monografie des texanischen Entomologen Richard S. Peigler und des Berliner Taxonomen Stefan Naumann von 2003, und schildert die thailändische Herkunft der eingeführten Zuchtlinie über die Kontakte zur Bangkoker Kasetsart-Universität und zur von Ambühl liebevoll als „Mutter der Samia in Thailand“ bezeichneten Professorin Sivilai Sirimunkararat.

Nicht jede untersuchte Art erwies sich als geeignet, und das Buch dokumentiert auch negative Ergebnisse mit derselben Sorgfalt wie die positiven: Bei Imbrasia obscura etwa, einer in weiten Teilen Afrikas verbreiteten, an ihren namensgebenden dunklen Flecken erkennbaren Dornraupe, wurden die Zuchtversuche bewusst klein gehalten, nachdem sich zeigte, dass die Art in der Region nur eine einzige Generation pro Jahr durchläuft (univoltin ist) und sich damit für eine wirtschaftliche Domestizierung nicht eignet – eine Einschätzung, die das Buch nüchtern und ohne den Versuch, das Ergebnis schönzureden, festhält. Diese Bereitschaft, auch gescheiterte oder unwirtschaftliche Zuchtversuche vollständig zu dokumentieren, unterscheidet den Band von reiner Erfolgs-PR und unterstreicht seinen Anspruch als seriöse wissenschaftliche Quelle.

Die fotografische Dichte des Buches – laut Verlagsangabe rund 900 Abbildungen auf 300 Seiten – übertrifft sogar die schon bildreichen anderen Sachbücher Ambühls deutlich. Nahezu jede Doppelseite kombiniert Nahaufnahmen einzelner Raupenstadien, Falter, Eier und Kokons mit Feldfotos der beteiligten Menschen, Karten der Projektsektoren und Balkendiagrammen zu Zuchterfolgen. Diese Bilddichte macht das Buch streckenweise zu einem visuellen Bestimmungsbuch für die Saturniden-Fauna des Bas-Congo – ein Nutzen, der weit über den unmittelbaren Projektbericht hinausreicht und das Werk auch als taxonomisches Nachschlagewerk für künftige Forschung in der Region interessant macht.

WIEDERAUFFORSTUNG: NKUNKU UND BWIKI

Der zweite grosse thematische Block dokumentiert das Wiederaufforstungsprogramm, das eng mit der Raupendomestizierung verzahnt ist, weil die meisten Speiseraupen auf spezifische Futterbäume angewiesen sind. In drei Projektsektoren (Ngeba, Wungu, Kivulu) mit insgesamt dreissig beteiligten Dörfern wurden traditionelle, „Nkunku“ genannte Gemeindewälder identifiziert und unter Schutz gestellt – nach Angaben des Buches 357 Hektar bestehender und rund 28 Hektar neu angepflanzter Wald. Besonders bewährt haben sich stickstofffixierende Akazienarten wie Acacia auriculiformis und Acacia mangium, die zugleich als Futterpflanzen für mehrere wichtige Raupenarten dienen und damit Wiederaufforstung und Nahrungssicherheit direkt miteinander verbinden. Das Buch dokumentiert diese Arbeit bis auf die Ebene einzelner Dörfer, ihrer traditionellen Clanstrukturen und der jeweils verantwortlichen Mitglieder des „Comité Chenilles“ – eine Detailtiefe, die dem Buch streckenweise den Charakter eines projektinternen Rechenschaftsberichts an Fördergeber gibt, zugleich aber eine seltene Transparenz über die tatsächliche soziale Organisation eines afrikanischen Entwicklungshilfeprojekts bietet, die in populärwissenschaftlicher Literatur kaum je in dieser Genauigkeit zu finden ist.

DIE BÄCKEREI VON KILUEKA: EIN UNERWARTETES KAPITEL ZUR FRAUENFÖRDERUNG

Überraschend breiten Raum nimmt im Buch ein scheinbar themenfremdes Kapitel ein: der Bau und Betrieb einer handwerklichen Bäckerei in Kilueka. Was 2019 als 5000-Dollar-Projekt geplant war, wuchs bis 2022 zu einer Investition von über 40'000 Dollar heran und beschäftigt heute zwei Backteams zu je sechs Personen sowie – zum Zeitpunkt der Buchpublikation – über neunzig, mehrheitlich weibliche Brotverkäuferinnen. Das Buch dokumentiert nicht nur die technischen und logistischen Hürden des Aufbaus (darunter die informelle Beschaffung von 300 gebrauchten Backblechen über ein Netzwerk von Zwischenhändlern in Kinshasa, da neue nirgends erhältlich waren), sondern erzählt anhand konkreter, mit sichtlicher Anteilnahme geschilderter Fallbeispiele, wie das durch den Brotverkauf erzielte Einkommen – für einzelne Frauen bis zu 250 US-Dollar monatlich, deutlich mehr als jeder Feldertrag – die Position der Frauen innerhalb der patriarchal strukturierten Dorfgesellschaft spürbar verändert: Ein anfänglich verärgerter Ehemann, der seine Frau für ihre Verspätung auf dem Feld tadelte, übernimmt am Ende selbst Botengänge für ihren Brotverkauf. Dieses Kapitel zeigt, dass sich das Projekt Songa Nzila trotz seines entomologischen Kerns explizit als ganzheitliches, auf die Emanzipation von Frauen ausgerichtetes Entwicklungshilfeprojekt versteht – ein Aspekt, der auch im knapperen Skyfood-Kapitel bereits anklang, hier aber ausführlich mit Zahlen und Einzelschicksalen belegt wird.

PYROLYSE UND BIOCHAR: DIE TECHNISCHE HANDSCHRIFT AMBÜHLS

Ein von Ambühl selbst verantwortetes, technisch geprägtes Kapitel widmet sich dem Bau von Pyrolyse-Öfen zur rauchfreien Verbrennung von Pflanzenbiomasse. Ambühl erklärt das Funktionsprinzip der „Top-down“-Verbrennung – bei der die Biomasse von oben entzündet wird, sodass die entstehenden Holzgase kontrolliert verbrennen, während im Inneren sauerstoffarm Biokohle entsteht – mit derselben didaktischen Klarheit, die auch das „Food from Wood“-Kapitel in „Skyfood“ auszeichnet. Zwei nach eigenen Plänen in Werkstätten in Kisantu gebaute Ofenmodelle (ein grosser 100-Liter-Ofen zur Herstellung von Aktivkohle für Wasserfilter, sowie kleinere 15-Liter-Herdöfen zum Kochen) werden mit technischen Zeichnungen und Fotos dokumentiert. Dieses Kapitel ist für Leserinnen und Leser, die Ambühls aktuelle Arbeit kennen, besonders aufschlussreich: Die hier beschriebene Kon-Tiki-verwandte Pyrolysetechnik ist erkennbar dieselbe Grundtechnologie, die er auch in seinen eigenen, späteren Biochar-Projekten einsetzt – das Kapitel liest sich damit auch als früher Beleg für eine Technik, die im Gesamtwerk des Autors immer wieder auftaucht, hier aber erstmals im konkreten Kontext eines afrikanischen Dorfprojekts zur Bodenverbesserung und Wasseraufbereitung eingesetzt wird.

Weitere, kürzere Kapitel dokumentieren den Bau einer Wasseraufbereitungsstation am Ngala-Bach nahe der Projektkonzession sowie den historischen Kontext des Flusses Lasa, der wegen der dort beheimateten Bilharziose-übertragenden Schnecken seit der belgischen Kolonialzeit als „nioko Lasa“ (Wurm des Lasa-Flusses) bekannt und gefürchtet ist – ein Kapitel, das die gesundheitspolitische Dimension der Projektarbeit unterstreicht und zugleich zeigt, wie eng Wasserversorgung, Hygiene und Ernährungssicherheit im Projektverständnis von Songa Nzila miteinander verflochten sind.

EINORDNUNG: ZWISCHEN WISSENSCHAFT UND ENTWICKLUNGSARBEIT

Was „Chéniculture et Reforestion“ von Ambühls anderen Sachbüchern unterscheidet, ist der fast vollständige Verzicht auf die essayistisch-polemische Stimme, die „Beezza!“ und weite Teile von „Skyfood“ prägt. Zwar finden sich auch hier gelegentlich pointierte Formulierungen – etwa wenn ein Bäcker in einem von einem befreundeten Pastor kolportierten Bonmot erklärt, der Teufel verbringe tagsüber seine Zeit überall, aber abends komme er zu den Bäckern nach Hause –, doch insgesamt dominiert ein sachlicher, dokumentarischer Ton, der dem Charakter eines Projektberichts an Fördergeber entspricht. Diese Nüchternheit ist konsequent: Ein Buch, das in erster Linie an ein französischsprachiges Publikum in Zentralafrika, an Fachkolleginnen und -kollegen und an institutionelle Fördergeber wie die Heilsarmee gerichtet ist, braucht andere rhetorische Mittel als eine für ein europäisches Laienpublikum geschriebene Streitschrift.

Zugleich ist das Buch von einer bemerkenswerten Offenheit gegenüber den eigenen Schwierigkeiten und Rückschlägen geprägt – ganz im Sinne der im Vorwort formulierten Maxime, dass man vor allem aus Fehlern lerne, aber nur, wenn man offen darüber spreche. So wird der gescheiterte Versuch, die Ngala-Raupe (Cirina forda) aus einer 500 Kilometer entfernten Region wieder anzusiedeln, ausführlich dokumentiert: Die importierten Tiere verschmähten die lokal vorhandene Futterpflanze, und die eigentliche Trägerpflanze der Herkunftsregion gedieh auf den Böden Kiluekas nicht – ein Rückschlag, der das Projekt zwang, sein botanisches Suchfeld deutlich zu erweitern. Auch die anfänglichen Personalschwierigkeiten bei der Bäckerei (überhebliche, aus Kinshasa angeworbene „Fachkräfte“, die nach wenigen Monaten entlassen werden mussten) werden ohne beschönigende Erfolgsrhetorik geschildert. Diese Ehrlichkeit über Fehlschläge und Umwege verleiht dem Buch eine Glaubwürdigkeit, die reine Erfolgsberichte von Entwicklungshilfeprojekten oft vermissen lassen.

DAS STIPENDIENPROGRAMM: BILDUNGSFÖRDERUNG ALS VIERTE SÄULE

Neben Raupenzucht, Wiederaufforstung und Bäckerei dokumentiert das Buch mit dem Kapitel „Boursiers“ noch eine vierte, gesellschaftspolitisch bedeutsame Projektsäule: ein seit 2014 gemeinsam mit der deutschen Partnerorganisation Aqua Creactive e.V. betriebenes Stipendienprogramm für besonders bedürftige Schulkinder. Ein 2015 gegründetes Stipendienkomitee aus Schuldirektorinnen, Lehrpersonen und NGO-Verantwortlichen erarbeitete einen mehrstufigen Kriterienkatalog, der neben schulischen Minimalanforderungen (mindestens 60 Prozent in vorangegangenen Klassen, gute Führung) gezielt Kinder aus besonders prekären Verhältnissen adressiert: Kinder geschiedener Eltern in Pflegefamilien mit mehreren weiteren Schulkindern, verlassene, von Grosseltern betreute Kinder, Kinder minderjähriger, alleinerziehender Mütter, sowie Kinder aus Familien mit einem schwerbehinderten Elternteil. Das Programm wuchs von 15 Stipendiatinnen und Stipendiaten im Schuljahr 2015/16 auf einen Höchststand von 48 (davon 22 Mädchen) im Jahr 2020/21, bevor die Covid-19-Pandemie den Rekrutierungsprozess vorübergehend unterbrach.

Bemerkenswert ist auch hier die Offenheit, mit der das Buch strukturelle Probleme des Programms benennt: Internatspflichtige Sekundarschüler litten unter mangelhafter Verpflegung in den Schulinternaten – eine direkte Folge der allgemeinen Nahrungsmittelarmut der Region –, weshalb ab dem Schuljahr 2022/23 eine monatliche Nahrungsmittelzulage sowie eine neu geschaffene Betreuungsstruktur mit „Maîtres des boursiers“ eingeführt wurde, die die Stipendiatinnen und Stipendiaten auf beiden Seiten des Flusses Bongolo betreuen sollen. Dieses Kapitel unterstreicht, dass sich das Songa-Nzila-Projekt trotz seines entomologischen Kerns explizit als ganzheitliches Entwicklungshilfeprojekt versteht, das Ernährungssicherheit, Bildungszugang und wirtschaftliche Teilhabe von Frauen als miteinander verflochtene Aufgaben begreift.

KRITISCHE EINORDNUNG

Die grösste Herausforderung des Buches für eine breitere Leserschaft liegt in seiner Machart selbst: Es ist explizit als Fach- und Rechenschaftsbericht konzipiert, nicht als populärwissenschaftliche Einführung. Wer ohne Vorkenntnisse der Kilueka-Projektgeschichte einsteigt, wird von der Fülle an Artnamen, Kikongo-Begriffen, Statistiken und Kürzeln (Kriterienkatalog, Sektor- und Dorfnamen, Datumsangaben) streckenweise überfordert sein; das Buch setzt implizit voraus, dass man entweder mit „Skyfood“ bereits eine narrative Einführung erhalten hat, oder ein fachliches beziehungsweise institutionelles Interesse mitbringt, das die Detailtiefe rechtfertigt. Auch die sprachliche Zielgruppe – Französisch, mit einer für ein zentralafrikanisches Publikum verständlichen, eher schlichten Diktion – begrenzt die Leserschaft im deutschsprachigen Raum von vornherein auf Personen mit Französischkenntnissen.

Die Kapitelstruktur ist zudem, anders als bei „Skyfood“, nicht durchgehend nach einem übergeordneten roten Faden organisiert, sondern eher additiv: Domestikationsversuche, Wiederaufforstung, Bäckerei und Pyrolyse-Technik stehen relativ unverbunden nebeneinander, gehalten nur durch die gemeinsame Verortung im Projekt Songa Nzila. Das entspricht der Logik eines Projektberichts, der alle Aktivitäten eines geförderten Programms dokumentieren muss, weniger der Logik eines für ein durchgehendes Leseerlebnis konzipierten Buches.

ZIELPUBLIKUM UND FAZIT

„Chéniculture et Reforestion“ ist die wissenschaftlich anspruchsvollste und am dichtesten dokumentierte aller bisher besprochenen Publikationen Ambühls – kein Buch für den schnellen Einstieg, sondern die Primärquelle für alle, die das Kilueka-Projekt in seiner vollen Komplexität verstehen wollen: Entomologinnen und Entomologen, die an konkreten Zuchtdaten interessiert sind, Fachleute der Entwicklungszusammenarbeit, die ein Modell ganzheitlicher, mehrere Sektoren (Ernährung, Wiederaufforstung, Frauenförderung, Energie, Wasser) verbindender Projektarbeit studieren wollen, sowie französischsprachige Leserinnen und Leser in Zentralafrika, für die das Buch primär geschrieben wurde. Wer zuerst „Skyfood“ oder Ambühls Erzählung „Kababila“ gelesen hat, findet hier die reale, minutiös dokumentierte Grundlage jener kompakteren, für ein breiteres Publikum aufbereiteten Darstellungen – und einen seltenen Einblick, wie viel akribische, oft mühsame Feldarbeit hinter den knappen, eleganten Zusammenfassungen steckt, die Ambühl seinen Lesern andernorts präsentiert.

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