Skyfood Verlag

The Great Regret — Das Grosse Bedauern

Deutsch · Juli 2021 · 256 Seiten · mit Illustrationen des Autors · entstanden auf Kreta

Kurzfassung

"Infektionen von Irrsinn, Funde von Glück": Daniel Ambühl verwebt in "The Great Regret" ein Corona-Tagebuch mit einer griechischen Reise, einer Parasiteninfektion aus Afrika, Sokrates-Dialogen und Kräuterkunde. Scharfe Kritik an Notrecht, Städten und Machteliten trifft auf Naturbeobachtung, Mythologie und ein Tarot-Orakel im Schlusswort. Ein persönliches, polemisches, poetisches Buch über das grosse Bedauern – und den mühsamen Weg zurück ins Lebendige. Mit eigenen Illustrationen des Autors.

Zusammenfassung

"Zu unserem grossen Bedauern wird das Geschenk unseres Wohlstandes zu Grunde gehen" – mit diesem Motto eröffnet Daniel Ambühl sein umfangreichstes Corona-Zeit-Buch: "The Great Regret – Das Grosse Bedauern. Infektionen von Irrsinn, Funde von Glück." Der Untertitel ist Programm: Zwei Fäden laufen durch das ganze Buch, eine echte, medizinische Infektion und eine gesellschaftliche.

Das Vorwort setzt den Ton mit einer scharfen Zeitdiagnose: Der demokratische Rechtsstaat, so Ambühl, habe sich selbst abgeschafft, Notrecht und Verfassungsbruch seien Alltag geworden – eine Parallele zu den Dreissig Tyrannen im Athen des Sokrates zieht sich als Leitmotiv durch das ganze Buch. Doch statt bei der Anklage stehen zu bleiben, fragt Ambühl, was wirklich verändern kann: nicht neue Gesetze, sondern eine Wandlung "in unserer Seele".

Von dort aus entfaltet sich ein ungewöhnlich vielschichtiges Buch. Den Auftakt macht "Larva migrans": die sehr persönliche, fast morbid-komische Schilderung einer Parasiteninfektion, die sich Ambühl auf einer Afrikareise 2020 zuzog – ein wanderndes Loch in der Fusssohle, das zur Metapher für das ganze Buch wird. Es folgt ein zweigeteiltes "Afrikatagebuch", eingebettet zwischen Kapiteln über Vergänglichkeit, verlorene Gelassenheit und das Töten von Schmetterlingen als Insektenforscher – Themen, die Ambühls Doppelleben als Naturforscher und Publizist spiegeln.

Ein zweiter grosser Erzählstrang führt nach Griechenland: die Idäische Höhle auf Kreta, Geburtsort des Zeus, das Orakel von Delphi, eine griechische Apotheke, die Suche nach der Heilpflanze Tordylium apulum. Diese Reise- und Naturkapitel sind durchsetzt von satirischen philosophischen Dialogen, in denen Sokrates, Aristophanes und eine Autorfigur namens "Danielos" sich gegenseitig unterbrechen, streiten und ein politisches Theaterstück über "Die Dummen und die Räuber" entwerfen – eine bissige Fabel über Banditen, die sich selbst an die Regierung bringen und von den eigenen Bürgern noch respektiert werden.

Im "Schierlingsbecher"-Kapitel zieht Ambühl die grosse historische Linie: Die Hinrichtung des Sokrates und die Kreuzigung Jesu als zwei "kulturelle Medikamente" gegen eine Gesellschaft, die sich weigert, Rechenschaft über sich selbst abzulegen – öffentliche, demokratisch legitimierte Tötungen aufrechter Menschen, die zu Jahrtausende überdauernden Botschaften wurden. Das folgende Kapitel "Wirus" enthält eine fiktive, zornige "Rede des Sokrates" gegen Machteliten, die sich in exklusiven Bergresorts treffen und über die Zukunft der Menschheit entscheiden – eine unverblümte, bewusst vulgäre Abrechnung mit Transhumanismus- und Eugenik-Fantasien der Mächtigen.

Das titelgebende Kapitel "The Great Regret" entwickelt eine ungewöhnliche Denkfigur: Man solle die Corona-Krise wie einen Meteoriteneinschlag behandeln – als Schicksal ohne Schuldfrage – und stattdessen fragen, was das Ereignis offenbart hat. Ambühl formuliert daraus eine Liste von Einsichten, unter anderem, dass das Zeitalter der Städte an seinen eigenen Verwaltungs- und Abstraktionszwängen zugrunde geht, während ländliche und indigene Lebensformen nachhaltiger seien. Das Kapitel "Was untergeht" vertieft dies anhand der biblischen Städte Babylon und Jericho: Jericho fällt trotz gerechter Gesetze, weil sein Prinzip "Dein ist dein, mein ist mein" Eigentum über Beziehung stellt – im Gegensatz zum Habitat, in dem, nach dem Chassid Friedrich Weinreb, "Mein ist Dein und Dein ist Dein" gilt.

Das Kapitel "Dunkle Seiten / Helle Seiten" bricht bewusst mit der Polemik der vorangehenden Texte und sucht einen versöhnlichen, meditativen Ton: Licht und Dunkel, so Ambühl, seien keine moralischen Kategorien, sondern Tag und Nacht – beide gehören zum Menschen, und wer nur eine Seite zulässt, verstummt. Ein Gedicht nach Hafiz und ein Zitat von Hermann Hesse über den "Bau der Persönlichkeit" leiten zum Schlusswort über.

Dort geschieht etwas Ungewöhnliches für ein politisches Sachbuch: Ambühl befragt, unzufrieden mit dem düsteren vorläufigen Buchende, ein Tarot-Orakel nach dem "Krisenspiel" von Hajo Banzhaf, um selbst einen Ausweg aus der eigenen emotionalen Befangenheit zu finden – die gezogenen Karten (Das Gericht, Die Herrscherin, Drei der Stäbe, Die Liebenden) werden offen und persönlich gedeutet und münden in eine Botschaft der Hinwendung zum Herzen statt zu äusseren, toten Formen.

"The Great Regret" ist damit Ambühls dichtestes und persönlichstes Buch aus der Corona-Zeit: eine Mischung aus politischem Pamphlet, Reise- und Krankheitstagebuch, satirischem Theater, Naturessay und spirituellem Suchbericht. Es setzt die 2020 begonnene Auseinandersetzung mit der "Coronokratie" fort, verlässt aber deren rein gesellschaftskritischen Rahmen zugunsten eines viel breiteren, oft überraschenden Bogens zwischen Infektion und Fund, zwischen Irrsinn und Glück. Mit eigenen Illustrationen des Autors.

Ausführliche Besprechung lesen

Ein Buch aus zwei Infektionen

"Zu unserem grossen Bedauern wird das Geschenk unseres Wohlstandes zu Grunde gehen an der Armut der Reichen, am Hunger der Satten, an der Dummheit der Ausgebildeten und an der Krankheit der Gesunden." Mit diesem paradoxen Motto eröffnet Daniel Ambühl "The Great Regret – Das Grosse Bedauern", im Untertitel präzisiert als "Infektionen von Irrsinn, Funde von Glück". Dieser Untertitel ist der Schlüssel zum ganzen, 256 Seiten starken Buch: Zwei Infektionen laufen durch den Text, eine sehr reale, medizinische, und eine gesellschaftliche. Beide werden mit derselben naturforscherischen Neugier und derselben Kompromisslosigkeit seziert, mit der Ambühl auch seine insektenkundlichen und ethnobotanischen Beobachtungen protokolliert.

Erschienen ist das Buch 2021, in Erstausgabe mit 500 Exemplaren, als Fortsetzung von Ambühls 2020 veröffentlichtem Corona-Erstling "Covidokratie". Während jenes Buch, im Dialog mit dem Dichter und Heilpraktiker Thomas Primas, die Bewegung der "Coronagläubigen" als religiöse Sekte beschrieb, ist "The Great Regret" ein weit persönlicheres, literarisch ambitionierteres Werk: ein Geflecht aus Krankentagebuch, Reisebericht, politischer Polemik, philosophischem Dialog, Naturessay und spirituellem Schlussbericht.

Larva migrans: Der Körper als erster Schauplatz

Das Buch beginnt nicht mit Politik, sondern mit dem eigenen Körper. Im Eröffnungskapitel "Larva migrans" schildert Ambühl, wie er sich auf einer Afrikareise im Herbst 2020 eine parasitäre Hautwurm-Infektion zuzog: ein wanderndes, schmerzhaftes Loch in der Fusssohle, das er zunächst für einen Dorn, eine Glasscherbe oder den Stachel einer der berüchtigten Mbanda-Nzazi-Raupen hielt – ein möglicher Seidenspinner, den er zu Studienzwecken selbst aufzieht. Die Laboranalyse bringt schliesslich Klarheit: "Larva migrans cutanea", ein Hakenwurm, für den der Mensch eigentlich ein Fehlwirt ist und der sich meist über infizierten Hundekot verbreitet – im konkreten Fall wohl über Boika, den nervösen Wachhund seines Aufenthaltsortes im kongolesischen Bas-Congo, wo Ambühl an seinem Speiseraupen-Projekt beteiligt ist. Mit trockenem Humor vermerkt er die sprachliche Pointe des Befundes: Eine "in der Haut wandernde Larve" wanderte ausgerechnet im Fuss eines Mannes, der selbst gerne wandert – und ihr Wandern verhinderte für Wochen sein eigenes.

Die genaue, fast klinische Beobachtung des eigenen erkrankten Körpers, garniert mit Fachwissen über Insekten und Entomophagie, aus der Ambühl als Autor mehrerer Bücher über essbare Insekten und Käferzucht schöpft, gibt dem ganzen Buch seinen Grundton: Beobachtung statt Behauptung, auch dort, wo es um das eigene Leiden geht.

Diese physische Infektion wird zur Chiffre für die zweite, gesellschaftliche Infektion, die das Buch in den folgenden Kapiteln entfaltet: eine Gesellschaft, die sich – wie ein Wirt – von etwas Fremdem, Wanderndem befallen lässt, ohne es zunächst zu erkennen.

Zwei Reisetagebücher: Afrika und Griechenland

Zwei umfangreiche Reise- und Naturkapitel bilden das erzählerische Rückgrat des Buches. Das zweigeteilte "Afrikatagebuch" (Teil 1 und Teil 2, zusammen über sechzig Seiten) dokumentiert Ambühls Aufenthalte im Kongo-Kontext seines Entwicklungshilfeprojekts zur Domestizierung afrikanischer Speiseraupen – ein Projekt, das er im Buch selbst als weltweit einzigartig beschreibt und für das er seit Jahren Fachbücher im eigenen Skyfood Verlag veröffentlicht. Eingebettet zwischen diesen Tagebuchteilen finden sich meditative Essaykapitel: "Lob der Vergänglichkeit" und "Verlorene Gelassenheit", die den Grundton dieses Buchdrittels prägen – eine Reise, auf der die äussere Fremde (fremde Länder, fremde Tiere, eine fremde Infektion im eigenen Körper) unablässig zur inneren Reise wird, zur Frage, wie viel Kontrolle und wie viel Loslassen ein Leben eigentlich braucht.

Der zweite grosse Reisestrang führt nach Griechenland, in mythologisch aufgeladenes Terrain: die Idäische Höhle auf Kreta, der Geburtsort des Zeus in der griechischen Mythologie, das Orakel von Delphi, eine griechische Apotheke und die Suche nach der unscheinbaren Doldenblütlerpflanze Tordylium apulum, der Apulische Zirmet, die Ambühl botanisch und, in einem eigenen Kapitel, sogar homöopathisch als Potenz C30 auslotet. Diese Kapitel verbinden botanische Feldbeobachtung mit antiker Mythologie und lassen erkennen, wie sehr Ambühls naturforscherische und literarische Arbeit ineinandergreifen.

Das Kapitel "Idäische Höhle" erhält dabei eine unerwartete persönliche Tiefe: Beim Anblick des Ida-Gebirges auf Kreta, das der berühmten Geburtshöhle des Zeus seinen Namen gibt, denkt Ambühl immer wieder an seine verstorbene Mutter, die ebenfalls Ida hiess – eine stille, biografische Note inmitten der mythologischen Reiseerzählung, bevor er die vielschichtige griechische Schöpfungsgeschichte um Kronos, Rhea und die verschlungenen Titanen nacherzählt. Im Kapitel "Das Orakel von Delphi" wiederum weitet sich der Blick zur grossen zivilisationsgeschichtlichen Klage: Ambühl zählt, während er wegen eines pandemiebedingt verweigerten Rückflugs über Frankfurt unfreiwillig in einem menschenleeren, von Plexiglas und Polizeipatrouillen geprägten Athen festsitzt, die untergegangenen Hochkulturen von Babylon bis zum "zehnjährigen Tausendjährigen Reich" auf und fragt bitter-ironisch, wie viele "Bankrotterklärungen menschlicher Hochkulturen" es noch brauche, bis man aus der immer gleichen zyklischen Verschwendung menschlicher Lebensenergie lerne – ein Gedanke, der direkt in die spätere Städtekritik des Kapitels "Was untergeht" mündet.

Zwischen Selbsterkenntnis und Einsamkeit: Der Naturforscher als Figur

Zwei weitere Kapitel machen die naturforscherische Existenz des Autors selbst zum Thema. In "Schmetterlinge töten" lässt Ambühl erneut Sokrates auftreten, der ihn – unter dem Namen Danielos – im Schatten einer Platane zur Rede stellt: Die Athener sorgten sich, man erzähle sich, er töte Schmetterlinge, spiesse sie auf Nadeln und bewahre sie in Kästen auf, ob er also ein Sadist sei, der Tiere quäle, wo Schmetterlinge doch Symbole der Leichtigkeit seien. Ambühl beschreibt in aller Sachlichkeit seine tatsächliche Präpariertechnik mit Salmiakgeist und lässt Sokrates die ethische Frage weitertreiben, bis aus der scheinbar kuriosen Anekdote eine grundsätzliche Reflexion über das Verhältnis von Naturforschung, Tötung und Erkenntnis wird.

Im Kapitel "Griechische Apotheke" wird diese Selbstbefragung noch persönlicher: Ambühl gesteht, dass ihn am meisten anstrenge, für sein eigenes Tun immer wieder Gründe finden und liefern zu müssen – eine soziale Erwartung, der er die drei Inschriften am Apollontempel von Delphi entgegenhält: "Erkenne dich selbst. Halte Mass. Du sei." Er erwägt scherzhaft, seine eigene Autobiografie "Ohne Auftrag" zu nennen, beschreibt die zunehmende Einsamkeit des Alters als eine Form der Geborgenheit in der Natur und schildert, wie er sich – wie viele andere auch – im Gespräch mit Pflanzen, Spinnen und Blattläusen weniger allein fühlt als vor ungespültem Geschirr. Diese leisen, unpolitischen Passagen bilden ein bewusstes Gegengewicht zu den zornigeren Kapiteln des Buches und zeigen den Autor als Naturforscher, der seine gesellschaftskritische Haltung aus einer sehr konkreten, gelebten Alltagspraxis heraus entwickelt.

Sokrates, Aristophanes und Danielos: Philosophisches Theater

Eines der ungewöhnlichsten Stilmittel des Buches sind eingestreute, dialogische Kapitel, in denen Sokrates, der Komödiendichter Aristophanes und eine Autorfigur namens "Danielos" – ein alter ego Ambühls – in respektlosem Wortgefecht miteinander diskutieren. Sokrates beklagt sich, dass "Danielos" ohne zu fragen zwei botanische Kapitel eingeschoben habe, verhandelt scherzhaft um ein eigenes Kapitel weiter hinten im Buch und wird prompt beim Wort genommen; Aristophanes entwirft unterdessen ein politisches Theaterstück, "Die Dummen und die Räuber", eine bissige Fabel darüber, wie Banditen sich selbst an die Regierung bringen, von den eigenen Bürgern respektiert werden und ihre Raubzüge zu einer Art nationalem Volkssport machen, während man nur noch "pro forma" gegen importierte Sündenböcke kämpft.

Am deutlichsten wird die satirische Volte des Buches im Kapitel "Die Impfung des Prasoulidas": Ein Athener Gemüsehändler sucht auf der Agora nach Sokrates, der gerade unter einem Lorbeerbaum über den Mythos von Apoll und Daphne philosophiert – und trägt dabei, zum Erstaunen des Philosophen, eine FFP2-Maske, die Sokrates zunächst für einen Maulkorb oder eine Theatermaske für eine neue Tragödie des Aischylos hält. In diesem Moment kippt die antike Bühne unübersehbar in die Gegenwart der Corona-Zeit: Ein befreundeter Cheirephon erklärt die Maske als Anspielung auf die Selbstabschaffung der athenischen Demokratie und die Herrschaft der Dreissig Tyrannen – dasselbe Motiv, das schon im Vorwort und im Kapitel "Der Schierlingsbecher" leitmotivisch wiederkehrt. Diese antikisierende Verfremdung erlaubt es Ambühl, aktuelle Massnahmenpolitik zu kommentieren, ohne sie direkt beim Namen zu nennen, und verleiht dem Buch eine literarische Doppelbödigkeit, die es von seinen direkteren politischen Kapiteln abhebt.

Dieses literarische Verfahren – die Verlebendigung antiker Philosophen als streitlustige, humorvolle Zeitgenossen – erlaubt es Ambühl, schwerste Themen leichtfüssig zu verhandeln: Glauben und Wissen, Autorenschaft und Nachwelt, Politik und Verantwortung. Der Witz der Dialoge steht dabei nie im Widerspruch zu ihrem Ernst; im Gegenteil, das Buch nutzt hier explizit ein Verfahren, das es selbst an anderer Stelle als Erbe des Aristophanes beschreibt: die "läuternde Wirkung" des schonungslosen Theaters auf den sozialen Körper.

Der Schierlingsbecher: Sokrates, Jesus und die öffentliche Hinrichtung

Ein Schlüsselkapitel des Buches zieht die grosse geistesgeschichtliche Linie zwischen den zwei bedeutendsten Hinrichtungen des Abendlandes: der Kreuzigung Jesu und dem Tod des Sokrates durch den Schierlingsbecher, 400 Jahre zuvor. Beide, so Ambühl, seien öffentlich vollzogene, demokratisch oder quasi-demokratisch legitimierte Tötungen aufrechter Menschen gewesen, die zu über zwei Jahrtausende überdauernden kulturellen "Medikamenten" gegen eine Gesellschaft wurden, die sich weigert, Rechenschaft über sich selbst abzulegen. Anders als die Kreuzigung, die als Schlachtung inszeniert sei, deutet Ambühl die Hinrichtung mit dem Schierlingsbecher als "politisch korrekte, sanfte" Tötungsart – eine Art frühe, hygienisch-ästhetisierte Form der Selbsthinrichtung, bei der die Athener während der Schreckensherrschaft der Dreissig Tyrannen hunderte Bürger zwangen, sich selbst zu vergiften.

Diese historische Parallele – die Dreissig Tyrannen, die die athenische Demokratie abschafften und die halbe Bürgerschaft mit dem Schierlingsbecher hinrichten liessen – zieht sich als Leitmotiv bereits durch das Vorwort und wird hier vertieft: Für Ambühl ist sie das historische Vorbild für seine Diagnose der Gegenwart, in der sich der demokratische Rechtsstaat, wie er formuliert, "selber abgeschafft" habe.

Ambühl bleibt dabei nicht bei der historischen Deutung stehen, sondern liefert auch botanisches und toxikologisches Detailwissen zur verwendeten Pflanze, dem gefleckten Schierling, dessen zahlreiche Volksnamen von Ziegenkraut bis Wutscherling die Verwechslungsgefahr mit essbaren Doldenblütlern wie Kerbel oder Pastinaken andeuten. Er beschreibt, wie das Gift Conin das Nervensystem von den Füssen aufwärts lähmt, bis der Tod bei vollem Bewusstsein durch Atemlähmung eintritt, und zitiert aus Friedrich Schleiermachers Übersetzung von Platons Bericht die letzten, fast zärtlichen Worte, die der Vollstreckungsbeamte an Sokrates richtet, bevor dieser gefasst und ohne Zögern den Becher entgegennimmt. Diese Genauigkeit, mit der Ambühl zwischen historischer Deutung, Pflanzenkunde und Quellenzitat wechselt, ist typisch für sein essayistisches Verfahren im ganzen Buch: Gesellschaftskritik wird nie nur behauptet, sondern durch konkretes Sach- und Naturwissen unterfüttert.

Ein homöopathisches Zwiegespräch: Tordylium erzählt

Ein ungewöhnliches Doppelkapitel, "Vom monologischen zum dialogischen" und "Was mir das Tordylium erzählt hat", bricht bewusst mit der alleinigen Autorschaft Ambühls: Der zweite Teil ist von seinem langjährigen Freund, dem Dichter und Heilpraktiker Thomas Primas, verfasst, mit dem Ambühl schon im Vorgängerbuch "Covidokratie" im Dialog stand. Ausgehend von der homöopathischen "Verreibung" der zuvor botanisch erkundeten Pflanze Tordylium apulum entfaltet Primas eine Meditation über Opfer, Hoffnung und Verletzlichkeit, verknüpft mit dem antiken Mythos von Pandoras Krug, in dem einzig die Hoffnung zurückblieb, als alle Übel der Welt entwichen – für die griechische Antike eine Tugend, für den "traurigen" Nietzsche hingegen das schlimmste aller Übel. Dieses eingeschobene Fremdkapitel unterstreicht, wie sehr das Buch als Ganzes ein Gespräch mit anderen Stimmen sucht, nicht nur ein Monolog des Autors ist – ein Prinzip, das der Kapiteltitel selbst benennt: der Weg "vom Monologischen zum Dialogischen". Das folgende Kapitel "Heimfahrt" markiert danach den erzählerischen Rückweg aus Griechenland in die Schweiz, bevor das Buch mit "The Great Regret" in seine grosse thesenhafte Schlussphase übergeht.

Wirus: Eine zornige Sokrates-Rede gegen die Mächtigen

Im Kapitel "Wirus" – der Titel changiert bewusst zwischen "Virus" und einem archaisierenden "Wirus" – lässt Ambühl eine fiktive, ungeschriebene "Rede des Sokrates" ausrichten, die er als "nach Diktat verreist" kennzeichnet. In ihr rechnet eine imaginierte Sokrates-Stimme kompromisslos, unverblümt und bewusst derb mit Machteliten ab, die sich in exklusiven Bergresorts träfen, um über die Zukunft der Menschheit zu entscheiden – eine deutliche, wenn auch nicht namentlich genannte Anspielung auf das Weltwirtschaftsforum in Davos, das auch in Ambühls Essay "Wege des Esels" als Chiffre für abgehobene Machtzirkel auftaucht. Die Rede attackiert Eugenik-, Rassenhygiene- und Transhumanismus-Fantasien der Mächtigen mit beissendem Spott und warnt zugleich vor der lähmenden Wirkung blosser Hoffnung: Wer nur hoffe, werde angepasst, gefügig und unfrei, statt aktiv ins Leben zu treten.

The Great Regret: Corona als Meteorit

Das titelgebende Kapitel entwickelt die vielleicht originellste Denkfigur des ganzen Buches. Ambühl schlägt vor, die Corona-Krise probeweise nicht als von Menschen verschuldetes Ereignis zu behandeln, sondern wie einen Vulkanausbruch oder Meteoriteneinschlag – als Schicksal, das die lähmende Schuldfrage umgeht. Von dieser Warte aus formuliert er eine Liste nüchterner Erkenntnisse: dass der Mensch mit einschneidenden Ereignissen schlecht umgehen kann, dass Gewissenlose von Katastrophen mehr profitieren als von stabilen Verhältnissen, dass Demokratien nur mit einer Mehrheit von Demokraten funktionieren – und vor allem, dass das Zeitalter der grossen Städte an seinen eigenen Verwaltungs- und Organisationszwängen zu Ende geht, während dörfliche und indigene Lebensformen sich als nachhaltiger erweisen. Ein Zitat von Hermann Hesse über den "Bau der Persönlichkeit" als Voraussetzung für jede politische Erneuerung rahmt das Kapitel.

Was untergeht: Babylon, Jericho und das Habitat des Menschen

Das Kapitel "Was untergeht" vertieft diese Städtekritik anhand zweier biblischer Beispiele. Babylon, die "Hure Babylon" des Propheten Ezechiel, geht laut Ambühl nicht an ihren Verlockungen zugrunde, sondern an ihrem Zwang zur Abstraktion – jenem Verwaltungs-, Organisations- und Kontrollapparat, den jede grosse Ansammlung von Menschen zwangsläufig hervorbringt. Eindrücklicher noch ist die Lesart der Stadt Jericho: Sie fällt trotz gerechter Gesetze und hoher Mauern, weil ihr Grundprinzip "Dein ist dein, mein ist mein" das Eigentum über die Beziehung stellt und Fremde buchstäblich auf ein Normbett gestreckt oder gekürzt werden mussten, um Einlass zu erhalten – von Ambühl explizit als "antiker PCR-Test" oder "biblischer Corona-Impfpass" gelesen. Dem stellt er, unter Berufung auf den chassidischen Rabbi Friedrich Weinreb, das Prinzip eines wahren menschlichen Habitats gegenüber: "Mein ist Dein und Dein ist Dein" – eine Gerechtigkeit, die nicht am Haben, sondern am Sein und an der Liebe hängt.

Dunkle Seiten, helle Seiten: Ein meditativer Gegenpol

Nach den polemischen Spitzen der vorangehenden Kapitel schlägt das Buch mit "Dunkle Seiten / Helle Seiten" bewusst einen anderen, meditativen Ton an. Ambühl entwickelt hier ein Bild von Licht und Dunkelheit als Tag und Nacht statt als Gut und Böse: Die helle Seite scheine nur hell, weil Licht auf sie falle, die dunkle nur dunkel, weil ihr Licht entzogen werde. Wer nur eine der beiden Seiten zulasse – etwa in "weisse Kleider" gehüllte Erleuchtungsschwindel oder totale Schwärzung –, verstumme. Ein dem persischen Dichter Hafiz zugeschriebenes Gedicht über ausbleibendes Licht und erkrankte Herzen führt zu diesem stillen Wendepunkt des Buches hin.

Das Schlusswort: Ein Tarot-Orakel als Ausweg

Der eigentliche Clou des Buches liegt im Schlusswort. Ambühl erzählt offen, dass er das Buch ursprünglich mit dem düsteren Hafiz-Gedicht beenden wollte, nach erster Kritik von Freunden aber selbst unzufrieden war mit diesem trostlosen Schluss – und beschloss, aktiv nach den "Funden von Glück" zu suchen, die der Untertitel verspricht. Er setzte sich draussen vor seinen Wohnwagen und befragte, im "Krisenspiel" nach Hajo Banzhaf, das Tarot-Orakel: nicht danach, wie die Corona-Krise politisch zu lösen sei – das sei für ihn längst klar, nämlich durch sofortige Beendigung von Notrecht und Massnahmen –, sondern danach, wie er selbst aus der eigenen emotionalen Befangenheit herausfinden könne.

Die gezogenen Karten – Das Gericht, Die Herrscherin, Drei der Stäbe, Die Liebenden – werden offen, persönlich und ohne ironische Distanz gedeutet: von der ausgebliebenen Auferstehung über kreative, natürliche Erneuerungskräfte und eine feste Basis bis zur Botschaft, sich mit vollem Herzen auf das Leben einzulassen statt an äusseren, toten Formen zu kleben. Diese Offenheit, mit der ein politisch kämpferischer Autor am Ende seines eigenen Buches ein Orakel befragt und dessen Antwort ernst nimmt, gibt "The Great Regret" seine eigentümliche, entwaffnende Ehrlichkeit: Das Buch endet nicht mit einer politischen Forderung, sondern mit einem sehr persönlichen Akt der Selbstbefragung.

Sprache, Ton und literarisches Verfahren

Sprachlich ist "The Great Regret" das heterogenste und experimentierfreudigste unter Ambühls Büchern: Es wechselt unvermittelt zwischen nüchterner medizinischer Beobachtung, zorniger, streckenweise vulgärer Polemik gegen Machteliten, antikisierendem philosophischem Dialog, botanisch-mythologischer Reiseprosa, Gedicht und autobiografischem Bekenntnis. Diese Vielstimmigkeit ist kein Mangel an Kohärenz, sondern Programm: Das Buch bildet in seiner Form genau jene Spannung ab, die es inhaltlich verhandelt – zwischen Irrsinn und Glück, zwischen Infektion und Fund, zwischen dem Zwang zur Abstraktion und der Rückkehr zum Lebendigen.

Wiederkehrende Motive verbinden dabei scheinbar disparate Kapitel: Die Dreissig Tyrannen Athens tauchen im Vorwort, im "Schierlingsbecher" und implizit in "Wirus" wieder auf; die Frage nach Autorschaft und Nachwelt, im "Hoffnung"-Dialog zwischen Sokrates und Danielos verhandelt, kehrt in "Wirus" als Attacke auf selbstgefällige Ratgeberliteratur zurück; die Zahl Fünf, botanisch am Bauplan von Tordylium apulum abgelesen, verbindet sich am Buchende mit der Tarot-Quintessenz-Berechnung zu einem geradezu numerologischen Schlussbild.

Einordnung im Werk und Zielgruppe

"The Great Regret" schliesst unmittelbar an "Covidokratie" (2020) an, in dem Ambühl die Bewegung der Coronagläubigen erstmals als religiöse Sekte beschrieb, geht aber weit über dessen Rahmen hinaus: Wo "Covidokratie" ein fokussiertes Streitgespräch war, ist "The Great Regret" ein vielstimmiges, oft überraschendes Kompendium aus Krankengeschichte, Reisetagebuch, politischem Pamphlet, philosophischer Satire und spirituellem Suchbericht. Wer Ambühls spätere, kompaktere Machtpyramiden-Philosophie aus "Wege des Esels" kennt, wird hier bereits zentrale Motive wiederfinden – die WEF-Kritik, die Sokrates-Referenz, die Sorge um demokratische Selbstabschaffung –, nun aber eingebettet in ein deutlich persönlicheres, autobiografisch grundiertes Gesamtwerk.

Der Autor selbst, 1958 in Zürich geboren, studierte Pädagogik, Publizistik und Germanistik, arbeitete als Moderator und Redaktor beim Piratensender Radio 24 und beim Schweizer Fernsehen und lebte in den 1990er-Jahren einige Jahre in Berlin, bevor er sich als freischaffender Künstler und Naturforscher niederliess. Seine "Bildwege" wurden an der Landesausstellung Expo.02 gezeigt; als Pilzbau- und Insektenzuchtexperte ist er an universitären Forschungsprojekten beteiligt und Initiator eines Entwicklungshilfeprojekts in der Demokratischen Republik Kongo zur Domestizierung afrikanischer Speiseraupen. Diese doppelte Biografie – Publizist und Naturforscher – erklärt, weshalb "The Great Regret" so mühelos zwischen Insektenkunde, Reiseprosa und Gesellschaftskritik wechselt: Es ist kein Kunstgriff, sondern Ausdruck einer tatsächlich gelebten Vielseitigkeit.

Im Skyfood-Verlagsprogramm steht das Buch neben Ambühls Fachbüchern über essbare Insekten ("Mbinzo", "Skyfood – Essbare Insekten", "Beezza – Das Bienenkochbuch") und seinen späteren literarisch-politischen Arbeiten. Im Anhang des Buches finden sich denn auch Verweise auf diese Parallelwerke sowie ein ungewöhnlich offener Spendenaufruf: Ambühl rät explizit von Spenden an grosse, plakativ werbende Hilfswerke ab und plädiert stattdessen für direkte, persönliche Unterstützung nahestehender Projekte – ein letzter, sehr konkreter Ausdruck jener Haltung, die das ganze Buch durchzieht: Misstrauen gegenüber grossen, abstrakten Institutionen und Vertrauen in unmittelbare, persönliche Beziehung.

Das Buch eignet sich für Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf einen unruhigen, assoziativen Erzählrhythmus einzulassen, der zwischen Zorn, Wissenschaft, Mythos und Selbstoffenbarung pendelt, und die pointierte, dezidiert subjektive Auseinandersetzungen mit der Corona-Zeit suchen, ohne auf literarische Form, Humor und Naturbeobachtung zu verzichten. Wer eine sachlich-neutrale Aufarbeitung der Pandemiepolitik erwartet, findet sie hier nicht; wer aber verstehen möchte, wie ein Naturforscher und Publizist die eigene Krankheit, die Krise seiner Gesellschaft und die Suche nach Glück literarisch in einem einzigen, vielschichtigen Buch zusammenzuführen versucht, findet in "The Great Regret" eines der dichtesten Zeugnisse dieser Zeit im Skyfood-Katalog.

Illustrationen und Ausstattung

Wie fast alle Bücher aus Ambühls eigenem Skyfood Verlag ist auch "The Great Regret" mit eigenen, 2021 entstandenen Illustrationen des Autors ausgestattet: einfache, oft skizzenhafte Zeichnungen, die botanische Details wie den fünfzähligen Blütenbau von Tordylium apulum ebenso festhalten wie eine als Tarotkarte des "Königs der Stäbe" inszenierte Fotografie des Autors mit selbstgefertigter Aluminiumkrone auf einem in acht Jahren aus Grünerlen herangewachsenen Stuhl – ein eigenes Kunstprojekt namens "Dendrotektura". Diese verspielte Selbstinszenierung im Anhang des Buches passt zum Ton des Schlussworts: ernst gemeint und zugleich mit einem Augenzwinkern über die eigene Pose.

Fazit

"The Great Regret – Das Grosse Bedauern" ist Ambühls ambitioniertestes und persönlichstes Buch: ein Krankentagebuch, ein Reisebericht, eine politische Streitschrift, ein philosophisches Kammerspiel und eine spirituelle Selbstbefragung in einem. Der Bogen, der von der wandernden Made in der eigenen Fusssohle bis zur Tarot-Deutung am Buchende reicht, macht deutlich, dass es dem Autor nicht um eine geschlossene politische Theorie geht, sondern um den ehrlichen Versuch, angesichts einer als krank empfundenen Gesellschaft selbst gesund, wach und liebesfähig zu bleiben. Gerade die Bereitschaft, zwischen zorniger politischer Anklage, antiker Bildung, botanischer Feldarbeit und ungeschütztem persönlichem Bekenntnis hin und her zu wechseln, ohne diese Register zu glätten oder gegeneinander auszuspielen, macht das Buch zu einem ungewöhnlich ehrlichen Zeitdokument. Am Ende steht, wie im Motto angekündigt, kein Triumph, sondern ein Bedauern – und mitten darin, unerwartet, ein Fund von Glück.

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