Auf Einladung ein paar Steine reist Daniel Ambühl 2021 mit einem Karbunkel auf der Brust nach Kos, Kalymnos und Telendos. Zwischen Ferienschiff, antikem Asklepieion und Höhlendrache webt er ein Logbuch aus echter Wunde und Zeitkrankheit: Rettungsboot-Satire auf die Coronapanik, ein Theaterstück über kriegerische Schiffswürmer, Hippokrates-Dialoge über Blödheit. Eine leise, bildreiche Heilungsgeschichte – am Ende steht eine Rede an die Steine. Illustriert mit 82 eigenen Handzeichnungen des Autors.
"Was wir suchen, erkennen wir erst, wenn wir gefunden werden von dem, was zu uns gehört." Mit diesem Motto beginnt Daniel Ambühls Reise- und Krankheitstagebuch "Schiffswürmer und andere Reiseträume aus verseuchten Gewässern": Im Frühjahr 2021 erreicht ihn, so die augenzwinkernde Rahmenerzählung, eine Einladung von einer Handvoll Steine, einen Vortrag zu halten – Ort und Zeitpunkt bleiben offen, nur so viel ist klar: Er müsse aufbrechen.
Kurz darauf entdeckt Ambühl eine harte Verhärtung unter der Haut seiner Brust – ein Karbunkel, wie sich später herausstellt, keine Krebsdiagnose, aber ein monatelanger, genau beobachteter Kampf des eigenen Körpers. Statt zum Arzt zu gehen, entscheidet er sich für "watchful waiting" und macht die Reise selbst zur Behandlung: Sonne, Meer, frische Luft. Ab dem 12. August 2021 führt ein Logbuch von Landquart über den Flughafen und die Fähre "Bluestar" nach Piräus und weiter zu den griechischen Inseln Kos, Kalymnos und Telendos.
Der Körper und die Zeit sind dabei parallel erkrankt. Neben dem Karbunkel-Tagebuch, das in kurzen datierten Einträgen den Verlauf von Schwellung, Entzündung und Vernarbung protokolliert, laufen mehrere Satirestränge zur Corona-Zeit mit. Im Kapitel "Rettungsboote" inszeniert Ambühl ein Bühnendialog zwischen Kapitän, Matrose und Offizier auf einem Schiff, das gar nicht sinkt – aber in Panik strömen immer mehr Besatzungsmitglieder in die Rettungsboote, bis diese selbst zur Gefahr werden, während zwei der Boote heimlich verkauft wurden. Das dreiaktige Kammerspiel "Die Schiffswürmer" erzählt, wie ein Tyrann und sein Feldherr das stolze Athen von unsichtbaren, das Schiffsholz zernagenden Würmern bedroht sehen und einen Krieg gegen sie ausrufen – eine bissige Fabel über erfundene Feinde und die Mechanik der Angst.
Zwischen diesen satirischen Passagen entfaltet sich ein zweiter, sehr persönlicher Handlungsstrang: der Besuch des Asklepieions von Kos, der bedeutendsten Heilstätte der Antike neben Epidauros, wo Ambühl Sokrates, Aristophanes und Hippokrates als Gesprächspartner auftreten lässt. In einem der Dialoge erklärt Hippokrates am Beispiel des Dunning-Kruger-Effekts und eines Bankräubers, der sich mit Zitronensaft für unsichtbar hielt, weshalb ein "blöder Körper" – oder eine blöde Gesellschaft – die eigene Krankheit gar nicht erst bemerkt, weil er sich selbst überschätzt. Eine futuristische Gegenerzählung, "Die Operation", montiert in sechs Teilen medizinjuristische Gesprächsprotokolle aus dem Jahr 2118 zwischen einem Arzt und dem Paar Paul und Maria über Einwilligung, Risiko und Sterblichkeit – ein kühl-dystopisches Gegenstück zu Ambühls eigenem, sehr unbürokratischem Umgang mit seinem Karbunkel.
Die zweite Buchhälfte führt weiter nach Kalymnos und in den Hafenort Pothia, schliesslich auf die kleine, autofreie Insel Telendos mit ihrer Drachenlegende. Dort, an einem "Paradise Beach", schliesst sich der Kreis: In der "Rede an die Steine" löst Ambühl die eingangs versprochene Vortragspflicht ein und hält den namenlosen Steinen der Bucht eine nachdenkliche, humorvolle Rede über den menschlichen Ordnungszwang, das Bedürfnis, Chaos zu sortieren, und die Vergeblichkeit, der Natur dauerhaft eine Form aufzuzwingen – während die Wellen jede Nacht alles wieder einebnen.
Das Buch endet, wie es begann, in leiser Versöhnung: Das Kapitel "Die Narbe" beschreibt, wie sich die Wunde des Karbunkels über ein halbes Jahr hinweg von selbst schliesst, begleitet von der Einsicht, dass der eigene Körper – bei aller Angst vor Krankheit – zuverlässig weiss, was nicht mehr zu ihm gehört und ausgeschieden werden muss. Ein knappes Schlussgedicht über herbstliche Lindenblätter, die zu Boden fallen, "was Wert war, ist zurück im Stamm", rundet die Erzählung ab.
"Schiffswürmer und andere Reiseträume aus verseuchten Gewässern" ist damit ein ungewöhnlich kunstvoll verwobenes Buch: Reisetagebuch, Krankengeschichte, politische Satire und antikes Gedankenspiel verschmelzen zu einer Erzählung über Heilung – die eigene, körperliche, und die einer Gesellschaft, die sich, wie das Schiff im Gleichnis, in Panik selbst zu versenken droht, obwohl kein Leck vorhanden ist.
Auch die kleineren, oft nur wenige Seiten langen Zwischenkapitel – "Die Schiffskasse" und "Bargeld" über den Umgang mit Geld auf Reisen, "Kefir und Karottensaft" über einfache, unmittelbare Ernährung als Heilmittel, "Bitterorangen" oder das poetische "Ein Baum auf der Intensivstation" – fügen sich zu einem Mosaik zusammen, in dem nichts zufällig wirkt: Jedes Motiv, jede Beobachtung am Wegrand, wird am Ende zu einem weiteren Baustein der grossen Frage, wie ein Mensch und eine Gesellschaft mit Krankheit, Angst und Kontrollverlust würdevoll umgehen können. Wie schon in "The Great Regret" tritt Ambühl auch hier als sein eigenes literarisches Alter Ego "Danielos" auf, das mit antiken Weisen im Gespräch steht – ein wiederkehrendes Verfahren, das seine Bücher aus der Corona-Zeit stilistisch eng miteinander verbindet. Illustriert mit 82 eigenen Handzeichnungen des Autors.
"Was wir suchen, erkennen wir erst, wenn wir gefunden werden von dem, was zu uns gehört." Mit diesem Motto und einer denkbar unwahrscheinlichen Rahmenhandlung eröffnet Daniel Ambühl sein 2021 erschienenes Reise- und Krankheitstagebuch "Schiffswürmer und andere Reiseträume aus verseuchten Gewässern": Im Frühjahr erreicht ihn eine Einladung, einen Vortrag zu halten – abgesandt, wie er versichert, von einer Handvoll Steine. Auf seine Nachfrage, weshalb ausgerechnet er und nicht ein Geologe oder Tunnelbauer angefragt worden sei, bekommt er nur die Auskunft, er werde die Steine schon finden; wichtig sei einzig, dass er aufbreche. Diese fabelhafte, bewusst leicht gehaltene Rahmenerzählung – die sich erst am Ende des über 240 Seiten starken Buches in einer "Rede an die Steine" schliesst – gibt dem ganzen Werk seinen eigentümlichen Ton: ernst und verspielt zugleich, real und fantastisch ineinander verwoben.
Der Auslöser der eigentlichen Reise ist jedoch sehr real: ein Knoten, den Ambühl kurz vor der Abreise unter der Haut seiner Brust ertastet. Es ist der Beginn eines Karbunkels – einer eitrigen bakteriellen Hautentzündung –, den er über Monate hinweg, von August bis in den November 2021 hinein, tagebuchartig beobachtet, statt sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Diese doppelte Reise – die äussere zu den griechischen Inseln Kos, Kalymnos und Telendos, die innere durch die Stationen einer Krankheit, die sich selbst heilt – bildet das Rückgrat des Buches.
Das eigentliche Reisetagebuch setzt mit einem präzise datierten "Logbucheintrag" am 12. August 2021 ein: Ein Taxifahrer namens Hossam holt Ambühl frühmorgens vom Waldcampingplatz Landquart ab, wo er seit der endgültigen Scheidung von seiner Frau als "freiwillig Randständiger" in einem Wohnwagen lebt. Im Gespräch mit dem übermüdeten Taxifahrer entwickelt Ambühl beiläufig das zentrale Bild des ganzen Buches: einen "Krieg in der Brust" zwischen Transhumanisten und Vitalisten, zwischen technischer Erlösungshoffnung und dem Staunen über die lebendige Natur – ein Ringen, das sich im Buch sowohl gesellschaftlich als auch, sehr konkret, im eigenen erkrankten Körper austrägt.
Die Fahrt führt über den Flughafen und die Großfähre "Bluestar" von Piräus zu den Dodekanes-Inseln. Bereits auf der Fähre nimmt die Satire ihren Anfang: Ein Kapitel widmet sich der "Schiffskasse" und dem Umgang mit Bargeld auf Reisen in einer zunehmend bargeldlosen Welt, ein anderes der Grafik, die die Bewegungsintensität der Passagiere an Bord in Echtzeit überwacht – kleine, beiläufige Beobachtungen, die bereits auf das grosse Thema des Buches vorausdeuten: Kontrolle, Überwachung und die Frage, wem man noch vertrauen kann.
Bereits ganz zu Beginn des Buches, im Kapitel "Ein Kanon zum Krönungstag", setzt Ambühl einen weiteren satirischen Bühnendialog: Ein König lässt sich von seinem Zeremonienmeister zu seinem vierundzwanzigsten Krönungstag eine eigens komponierte Chorkantate vorführen, während im Hintergrund unauffällig die Frage mitläuft, wer eigentlich für all die Weiterbildungsseminare, Hofzeremonien und Selbstbeweihräucherungen der höfischen Bürokratie aufkommt – natürlich, wie sich im Wortwechsel herausstellt, indirekt das Volk selbst. Diese Miniatur über hohle höfische Selbstinszenierung nimmt das Grundmuster vorweg, das später in "Ein Kanon zum Krönungstag", "Rettungsboote" und "Die Schiffswürmer" immer wieder variiert wird: Machtapparate, die sich selbst feiern oder gegen erfundene Gefahren mobilisieren, während die eigentliche Rechnung an anderer Stelle beglichen wird.
Im Kapitel "Das Geschwür" beschreibt Ambühl mit auffallender Sachlichkeit den Fund der Verhärtung unter seiner Haut, drei Zentimeter rechts der Brustmitte. Er registriert den naheliegenden Reflex, sofort an Krebs zu denken, und entscheidet sich bewusst dagegen, einen Arzt aufzusuchen – weder in Piräus noch später auf den Inseln. Stattdessen wählt er die Haltung des "watchful waiting": eines neugierigen, nicht eingreifenden Beobachters, der seinem Körper stattdessen Sonne, Meer, frische Luft, reines Wasser, vielfältige Nahrung und ausgiebigen Schlaf gönnt. Diese Passage, die weder Dramatik sucht noch verharmlost, prägt den Grundton des gesamten Krankheitstagebuchs: genaue, fast klinische Beobachtung ohne Larmoyanz.
Parallel zum realen Karbunkel-Tagebuch montiert Ambühl in sechs über das ganze Buch verteilten Teilen ein fiktives Gegenstück: "Die Operation", ein "medizinjuristisches Gesprächsprotokoll" zwischen einem Arzt und dem Paar Paul und Maria, angesiedelt im Jahr 2118. Der Arzt weist mehrfach auf ein notariell zu beglaubigendes Sterberisiko der geplanten Operation hin; Paul und Maria müssen Testamente hinterlegen, bevor der Eingriff überhaupt beginnen darf – eine kühl bürokratisierte, in ferner Zukunft angesiedelte Gegenwelt zu Ambühls eigenem, radikal unbürokratischem Umgang mit seiner Krankheit. Die Gegenüberstellung dieser beiden Erzählstränge – der eine real und beiläufig, der andere fiktiv und hochreguliert – funktioniert als leise, aber beharrliche Gesellschaftskritik: An die Stelle von Vertrauen in den eigenen Körper tritt in der imaginierten Zukunft ein Geflecht aus Einwilligungsformularen, Haftungsfragen und Verrechtlichung.
Zwischen den satirischen Bühnenstücken und der nüchternen Krankheitsbeobachtung leistet sich das Buch immer wieder kurze, fast surreale Prosastücke. Im Kapitel "Der Weg, der geht" beschreibt Ambühl, übermüdet von einer Nacht auf der Fähre, wie er im Halbschlaf am frühen Morgen von Bord geht und den Weg selbst zum handelnden Subjekt macht: Nicht er geht den Weg, sondern der Weg "geht" ihn, zieht ihn an Olivenbäumen und Restaurantterrassen vorbei einen Hang hinauf, bis eine Tür sich über ihn schiebt und ein Wohnzimmer vor seinen Füssen auftaucht, in dem eine Frau ihn bereits erwartet. Diese kurze, traumlogische Passage – ganz ohne Ironie oder Gesellschaftskritik – zeigt eine andere, verletzlichere Seite des Buches: die Erschöpfung eines Reisenden, der sich, im Zustand zwischen Wachen und Schlafen, dem Weg willenlos überlässt, fast wie er sich seiner eigenen Krankheit im Modus des "watchful waiting" überlässt.
Eines der zentralen Satirekapitel des Buches trägt den Titel "Rettungsboote" und ist als reiner Bühnendialog zwischen Kapitän, Matrose, Offizier und Schiffsarzt gehalten. Der Matrose meldet dem Kapitän, das Schiff sinke – nicht wirklich, aber die Stimmung an Bord sei so. Immer mehr Besatzungsmitglieder übernachten aus Angst in den Rettungsbooten, obwohl das Schiff kein Leck hat und normal fährt. Als die Boote zu zwanzig Prozent belegt sind, droht Panik auszubrechen; es stellt sich heraus, dass zwei der Rettungsboote heimlich an den Schiffsarzt und einen "Wissenschafter" verkauft wurden, um mit dem Erlös "Impfungen" gegen den Untergang zu bezahlen – eine unverhohlene Übersetzung von Impfzertifikat, Rettungsboot-Platz und Finanzierung in ein einziges Bild. Der Schiffsarzt fordert bald eine dritte Impfung, weil es inzwischen mehr Zertifikate als Bootsplätze gebe; die bereits "Geimpften" verlangen, die "Ungeimpften" über Bord zu werfen, weil sie um ihren eigenen Platz fürchten, woraufhin der Kapitän die gesamte Mannschaft, in zwei Lager – links die Geimpften, rechts die Ungeimpften – gespalten, an Deck antreten lässt und in einer zornigen Rede daran erinnert, dass das eigentliche Ziel nicht ein Sitzplatz im Rettungsboot, sondern das Nichtsinken des Schiffes als Ganzes sei – nur um im selben Atemzug entlarvt zu werden, dass er selbst, obwohl ungeimpft, längst ein drittes Rettungsboot für sich beiseitegeschafft hat. Die Pointe des Dialogs – dass die Angst vor dem Untergang und der Kampf um Boote selbst zur einzigen sichtbaren Gefahr werden, während das Schiff tatsächlich seetüchtig bleibt – ist eine unübersehbare, wenn auch nie direkt beim Namen genannte Allegorie auf Impfzertifikate, Spaltung und Vertrauensverlust der Corona-Zeit: Eine Gesellschaft, die sich, angetrieben von Angst und Profitinteressen einzelner, eher selbst in Gefahr bringt, als sich zu retten.
Den Kern des Buches – ihm gibt es seinen Titel – bildet das dreiaktige Theaterstück "Die Schiffswürmer", das über gut vierzig Seiten hinweg entfaltet wird. Ein Tyrann und sein Feldherr entdecken, dass ihre einst stolze Flotte von unsichtbaren, das Schiffsholz zernagenden Würmern bedroht wird, und rufen einen regelrechten Krieg gegen sie aus. Es ist unschwer zu erkennen, dass die "Schiffswürmer" als Chiffre für einen erfundenen oder zumindest masslos übertriebenen Feind fungieren, gegen den ein Staatsapparat mobilisiert wird – eine Fabel über die Mechanik der Angst, die einen Krieg gegen einen kaum sichtbaren Gegner rechtfertigt, während die eigentliche Gefahr möglicherweise ganz woanders liegt. Zoologisch sind Schiffswürmer im Übrigen keine Würmer, sondern bohrende Muscheln, die seit der Antike Holzschiffe bedrohten – ein Detail, das Ambühl für seine doppelbödige Titelmetapher nutzt: eine reale historische Schiffsplage wird zum Sinnbild einer erfundenen Gegenwartsplage.
Bevor das Buch das Asklepieion selbst erreicht, verweilt es einige Tage in Kos-Stadt, festgehalten in datierten Logbucheinträgen vom 17. August 2021. Im Kapitel "Bitterorangen" durchstreift Ambühl die Ruinen der antiken Metropolis auf der Suche nach Schwarzem Bilsenkraut, Hyosciamus niger – ein Auftrag seines Freundes, des Dichters und Heilpraktikers Thomas Primas, der schon in "The Great Regret" für seine homöopathische Verreibung von Tordylium apulum auftrat und hier eine C4-Potenz aus der halluzinogenen, einst auch am Orakel von Delphi verwendeten Kulturpflanze herstellen möchte. Diese Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Primas verbindet "Schiffswürmer" motivisch eng mit dem Vorgängerbuch. Im anschliessenden Kapitel "Ein Baum auf der Intensivstation" besucht Ambühl die berühmte Platane des Hippokrates in Kos-Stadt, ein womöglich 500-jähriges, heute nur noch als hohle Rindenhülle erhaltenes Baumdenkmal, unter dem der Sage nach schon der grosse Arzt gelehrt haben soll – der Kapiteltitel spielt bewusst mit der Vorstellung eines uralten, von Stützgerüsten und Pflege künstlich am Leben erhaltenen Baum-Patienten, ein Bild, das unmittelbar auf Ambühls eigene Genesungsgeschichte vorausdeutet.
Einen ruhigeren, kulturhistorisch grundierten Gegenpol bildet der Besuch des Asklepieions von Kos, der neben Epidauros bedeutendsten Heilstätte der Antike. Ambühl beschreibt die Anlage – mit ihren gestuften Tempelterrassen, dem heiligen Brunnen und dem Blick über die Insel – und lässt in einem eingeschobenen Dialog erneut Sokrates, Aristophanes und, in diesem Buch neu, Hippokrates auftreten, die im leeren antiken Theater der Anlage über ein neues Stück debattieren: "Dann geben wir eben nochmals die Schiffswürmer", schlägt Aristophanes vor – ein selbstreferenzieller Kniff, der das Theaterstück des Buches gleichsam in sich selbst zurückspiegelt.
Direkt im Anschluss inszeniert Ambühl im Kapitel "Kannst du dienen?" eine weitere Theaterprobe im leeren antiken Theater: Aristophanes lässt drei Schauspieler – einen Storch, einen Frosch und einen dritten in der Rolle des Sokrates – eine kurze Fabelszene proben. Der Storch fragt den Frosch, ob er "einem göttlichen Willen" dienen könne, meint damit aber, kaum verschlüsselt, ob der Frosch bereit sei, ihm als Nahrung zu dienen. Der Frosch verweigert sich der Logik des Dienens gänzlich: Man könne ihn fangen und fressen, aber "dienen" impliziere eine Freiwilligkeit, die es hier gar nicht gebe. Diese knappe, fabelhafte Szene bringt in wenigen Zeilen auf den Punkt, was die grossen Satirekapitel des Buches – "Rettungsboote", "Die Schiffswürmer", "Ein Kanon zum Krönungstag" – ausführlicher verhandeln: die Frage, wo Gehorsam endet und Fremdbestimmung beginnt, und wie sprachliche Verschleierung ("dienen" statt "gefressen werden") Machtverhältnisse verschönt. Im Kapitel "Kefir und Karottensaft" wird die antike Heilkunde des Asklepieion-Systems, das auf Ernährung, Bädern und Tempelschlaf beruhte, mit Ambühls eigener, sehr einfacher Diät während der Genesung kurzgeschlossen.
Eines der originellsten Kapitel des Buches, "Blödheit", personifiziert den Krankheitsherd selbst: Der Karbunkel tritt als eigene Figur im Dialog mit Hippokrates und Ambühls literarischem Alter Ego "Danielos" auf und fragt, weshalb der Körper ihn nicht früher bemerkt habe. Hippokrates entwickelt daraus, gestützt auf den Dunning-Kruger-Effekt und die Anekdote eines Bankräubers, der sich mit Zitronensaft im Gesicht für unsichtbar hielt, eine Theorie der kollektiven Selbstüberschätzung: Ein "blöder Körper" – wie eine blöde Gesellschaft – bemerkt seine eigene Krankheit nicht, weil er sich für stärker hält, als er ist, während unerfahrene Quereinsteiger in Führungspositionen ("Banklehrlinge, die plötzlich Gesundheitsminister werden") mit einer Sicherheit auftreten, die erfahrene Praktiker überzeugender wirken lässt als deren abwägende Expertise. Diese bitter-komische Volkskörper-Metapher – der erkrankte Einzelkörper als Modell für eine erkrankte Gesellschaft – ist der gedankliche Angelpunkt, an dem sich Ambühls persönliches Krankheitstagebuch und seine Gesellschaftskritik unmittelbar berühren.
Die zweite Buchhälfte verlagert die Reise von Kos weiter nach Kalymnos, in den Hafenort Pothia und schliesslich auf die winzige, autofreie Insel Telendos, die nur mit dem Boot erreichbar ist. Dort verbindet sich Landschaftsbeschreibung mit lokaler Sagenwelt: Das Kapitel "Der Drache von Telendos" erzählt die Legende der Insel, die der Autor mit eigenen, oft skizzenhaften Zeichnungen begleitet – von den insgesamt 82 Handzeichnungen, mit denen das Buch illustriert ist. Die Kapitel "Karbunkel" und später "Umgang mit Katastrophen" bringen die Krankheitserzählung in dieser Bucht zu ihrem Höhepunkt, bevor sich der grosse erzählerische Bogen zu schliessen beginnt.
Kurz vor Buchende, im Kapitel "Zhi", geht Ambühl das Personifizierungsspiel des Krankheitsherdes noch einen Schritt weiter als in "Blödheit": Der Karbunkel selbst ergreift das Wort, entschuldigt sich, dass er nicht so gewählt schreiben könne wie "Danielos", und berichtet, wie ihn seine "Mitgeschwüre" – Furunkel, Pickel, Mitesser – eindringlich davor gewarnt hätten, sich überhaupt zu äussern: Ein Geschwür, dem man zuhöre, ernte doch nur Hass und Verachtung, schliesslich würden Menschen mit sichtbaren Hautkrankheiten seit jeher stigmatisiert, in Quarantäne geschickt oder ausgegrenzt. Diese augenzwinkernde, aber genau kalkulierte Volte – ausgerechnet das Ausgegrenzte, Ekelhafte bekommt im Buch das letzte, klügste Wort – bringt die Krankheitserzählung des Buches noch einmal auf den Punkt: Was der Körper (und die Gesellschaft) am liebsten zum Schweigen bringen würde, ist am Ende genau das, was am meisten zu sagen hat.
Am "Paradise Beach" von Telendos löst Ambühl schliesslich die zu Buchbeginn versprochene Vortragspflicht ein. In der "Rede an die Steine" beschreibt er, wie er täglich zu einer kleinen Bucht zwischen Felsen spaziert, schnorchelt und sich anschliessend zu den Steinen setzt, mit ihnen spricht, sie nach Farbe, Grösse und Form sortiert – nur um festzustellen, dass am nächsten Tag alles wieder durcheinander liegt, von den Wellen neu gemischt. Aus dieser kleinen, fast kindlichen Beobachtung entwickelt er eine leise Reflexion über den menschlichen Ordnungszwang: das Bedürfnis, unbestimmtes Durcheinander in Modelle, Burgen und Formen zu zwingen, während die Natur diese Ordnung Nacht für Nacht wieder auflöst. Die stumme, geduldige Gegenwart der Steine wird dabei selbst zum Gesprächspartner – eine der eindrücklichsten und persönlichsten Passagen des ganzen Buches, in der Ambühl offen eingesteht, wie schwierig und zugleich fruchtbar es ist, zu etwas zu sprechen, das nicht in gewohnter Weise antwortet.
Das vorletzte grosse Kapitel, "Die Narbe", beschliesst die Krankheitserzählung: Erst im November, fast ein halbes Jahr nach dem ersten Fund, ist die Haut wieder glatt. Anhand mehrerer datierter Tagebucheinträge aus dem September verfolgt Ambühl minutiös, wie sich der Karbunkel öffnet, entleert und von selbst zurückbildet, und deutet den austretenden Eiter als das, was der gesunde Körper konsequent ausscheidet, sobald er sich selbst wieder vertraut. Ein assoziativer Exkurs zum Abenteurer Rüdiger Nehberg, der sich mit siebzig Jahren nahezu unbekleidet im Dschungel aussetzen liess und dabei von Dasselfliegenlarven besiedelt wurde, sowie zum medizinischen Einsatz steriler Fliegenmaden zur Wundreinigung, rundet das Kapitel zu einer kleinen Philosophie des Vertrauens in die eigene Lebenskraft ab – ein Vertrauen, das Ambühl auf einem historischen Tiefpunkt sieht, während sich das "Nichts" heute erfolgreich als verlockende Alternative zum eigenen Selbst tarne.
Ein Schlussgedicht über Lindennüsschen, die im Herbst zu Boden fallen, weil "was Wert war, ist zurück im Stamm", beendet das Buch in derselben leisen, meditativen Tonlage, die schon "Dunkle Seiten" in "The Great Regret" und das Schlusskapitel von "Wege des Esels" prägte.
Formal ist "Schiffswürmer" das dramaturgisch anspruchsvollste unter Ambühls Corona-Zeit-Büchern: Es kombiniert datierte Logbucheinträge, ein durchgehendes dreiaktiges Theaterstück, dialogische Kapitel mit antiken Gesprächspartnern, ein futuristisches Gesprächsprotokoll, lyrische Kurzkapitel und ein direktes, an die Steine gerichtetes Redemanuskript. Wiederkehrende Figuren – Sokrates, Aristophanes, Hippokrates, das Alter Ego "Danielos" – verbinden das Buch eng mit "The Great Regret", während der Umgang mit realer Krankheit as Beobachtungsgegenstand an "Larva migrans" aus demselben Vorgängerbuch anschliesst. Neu ist die konsequente Verwendung von Bühnendialogen als eigenständiges Erzählmittel, mit denen Ambühl politische Satire (Rettungsboote, Schiffswürmer) von persönlicher Reflexion (Rede an die Steine, Blödheit) trennt, ohne dass beide Ebenen ihre gegenseitige Durchlässigkeit verlieren.
Bemerkenswert ist zudem ein technisches Detail der Originalausgabe: Das Buch enthält QR-Tags, zu denen ein Anhang eigens vermerkt, dass es dabei "nicht um die Texte" gehe, die zufällig und möglicherweise reine Propaganda seien, sondern um die Bilder, die im Scannen sichtbar werden – eine ironische Volte gegen die eigene Technikskepsis, die das ganze Buch durchzieht. Die im Anhang zitierten QR-Code-Texte selbst lesen sich wie eine Art Gegenkatechismus zur digitalen Welt: Ein Gerät könne nicht wirklich lesen, weil es "keinen Seelenkorb" habe, in dem es das Gelesene aufnehmen und geniessen könne; ein Gerät wolle sich fälschlich "zum Orakel aufspielen", obwohl der Weltgeist nur zum "lebendig Beseelten" spreche; man solle nicht für sein Gerät leben, sondern über die Dächer hinaus aufs Meer schauen. Diese eingestreuten Mahnungen bilden ein leises Echo zur "Rede an die Steine" und formulieren dieselbe Sorge in umgekehrter Richtung: Wo die Steine als stumme, aber lebendige Gesprächspartner ernst genommen werden, wird das digitale Gerät als lebloser Fremdkörper entlarvt, der Lebendigkeit nur simuliert.
"Schiffswürmer und andere Reiseträume aus verseuchten Gewässern" erschien im November 2021, wenige Monate nach "The Great Regret", mit dem es sich sogar den Verlagsvermerk teilt, mit 82 eigenen Handzeichnungen des Autors illustriert zu sein, und bildet mit ihm ein eng verwandtes Diptychon: Beide Bücher verbinden ein reales Krankheitsgeschehen am eigenen Körper mit einer Griechenlandreise, antiken Dialogfiguren und Corona-Zeit-Satire, und in beiden taucht der befreundete Heilpraktiker Thomas Primas als wiederkehrender Nebencharakter auf. Wo "The Great Regret" jedoch in der offenen Tarot-Befragung endet, sucht "Schiffswürmer" seine Auflösung in der stilleren, bildhafteren Form der Rede an unbewegliche Steine – ein noch grösseres Vertrauen in die schweigende, nicht-menschliche Welt als Gesprächspartnerin. Auch zu "Wege des Esels", das zwei Jahre später erschien, lassen sich Linien ziehen: Die dort entfaltete Kritik an gehorsamen, sich selbst belügenden Mitläufern in der Machtpyramide ist in den Rettungsboot- und Schiffswürmer-Satiren dieses Buches bereits im Kern angelegt, nur noch stärker in konkrete Bühnenszenen übersetzt statt in aphoristische Thesen gefasst.
Für Leserinnen und Leser, die Ambühls Verfahren aus den Vorgängerbüchern kennen – die Verlebendigung antiker Philosophen, die Verwebung von Naturbeobachtung und Gesellschaftskritik, die formale Experimentierfreude –, ist "Schiffswürmer" die vielleicht kunstvollste und dramaturgisch geschlossenste Umsetzung dieses Verfahrens: Kaum ein anderes seiner Bücher verzahnt so konsequent eine einzige, reale körperliche Erfahrung – den langsam heilenden Karbunkel – mit derart vielen verschiedenen literarischen Formen, vom Logbuch über das Theaterstück bis zur direkten Rede an unbelebte Natur.
Das Buch eignet sich für Leserinnen und Leser, die sich auf eine formal vielstimmige, zwischen Tagebuch, Theater und antikem Dialog wechselnde Erzählung einlassen wollen, und die Interesse an einer Geschichte haben, in der körperliche Heilung, griechische Inselwelt und Zeitkritik zu einem einzigen, kunstvoll verflochtenen Bild werden. Wer eine sachliche Krankengeschichte oder eine geradlinige politische Streitschrift erwartet, wird hier enttäuscht; wer aber bereit ist, einem Karbunkel, einem Theaterstück über Schiffswürmer und einer Handvoll Steine gleichermassen zuzuhören, findet in diesem Buch eine der leisesten und zugleich kunstvollsten Arbeiten im Skyfood-Katalog.
"Schiffswürmer und andere Reiseträume aus verseuchten Gewässern" erzählt von einer doppelten Heilung: der eines Körpers, der einen Karbunkel über Monate selbst ausheilt, und der eines Autors, der einer von Angst und Kontrolle geprägten Zeit mit Reise, Beobachtung, Theater und, zuletzt, dem geduldigen Zuhören bei den Steinen begegnet. Dass beide Heilungsprozesse am Ende ohne ärztlichen oder staatlichen Eingriff auskommen, ist keine zufällige Pointe, sondern die eigentliche These des Buches: Vertrauen in die eigene, wie in die gesellschaftliche Lebenskraft ist möglich – man muss nur bereit sein, aufzubrechen, wenn eine Einladung kommt, und geduldig genug sein, ihr bis zum Ende zu folgen. Wenige Bücher aus Ambühls Werk verbinden dabei so überzeugend das ganz Kleine – ein Stein am Strand, ein Eiterausfluss unter der Haut – mit dem ganz Grossen: der Frage, wie ein Mensch und eine Gesellschaft in unruhigen Zeiten die Fähigkeit zurückgewinnen, sich selbst wieder zu vertrauen.