Ein Collage-Roman zwischen Reisetagebuch, Mythologie und Zeitkritik. Der Erzähler Danielos wird von Hermes zum Gott-Werden eingeladen, reist ins kongolesische Kilueka zur Raupenzucht und nach Venedig, wo er die Stadt als Sinnbild des "Habitats Stadt" seziert. Dazwischen: ein Schwarm-Modell zur Pandemie, eine Analyse eines Globi-Kinderbuchs über Venedig, ein vierteiliges Theaterstück, Kreuzfahrt-Satire. Verholzungen grünen Denkens: bissige Zivilisationskritik.
„Venedig versenken“, Ambühls umfangreichstes literarisches Werk (600 Seiten, Dezember 2022), trägt den Untertitel „Verholzungen grünen Denkens“ – eine Anspielung auf sein eigenes naturwissenschaftliches Motiv von Lignin und Zellulose, hier übertragen auf erstarrtes, dogmatisches Weltbild. Das Buch ist kein linearer Roman, sondern eine Collage aus rund fünfzig Kapiteln, die zwischen autofiktionalem Reisetagebuch, mythologischem Dialog, politischem Essay und Theatertext wechseln.
Den roten Faden bildet der Ich-Erzähler „Danielos“, eine literarische Selbstfigur des Autors. Das Buch beginnt an Ostern auf einem Campingplatz in Landquart, wo Danielos, mit einer Lektüre Johann Jakob Bachofens beschäftigt, unerwartet Besuch vom Götterboten Hermes erhält: Apollo lässt anfragen, ob Danielos „auf Probe“ zum Gott befördert werden möchte. Dieser mythologische Dialog – komisch, philosophisch, respektlos – zieht sich als „Führer“-Kapitelserie durch das ganze Buch und dient als reflektierender Rahmen für die eingeschobenen Reise- und Zeitbeobachtungen.
Ein zentraler, sehr ausführlicher Erzählstrang (rund 175 Seiten, von „Afrikatagebuch“ bis „Christophs Hypothese“) ist ein detailliertes Reisetagebuch aus dem kongolesischen Kilueka, wo der Erzähler mit dem Biologen Augustin an der Domestizierung essbarer Speiseraupen arbeitet – derselbe reale Kontext, der auch in Ambühls Sachbüchern „Skyfood“ und „Chéniculture et Reforestion“ dokumentiert ist, hier aber in literarisch-persönlicher, oft humorvoller Erzählweise: von Bürokratie-Ärger über defekte Solaranlagen, technische Pannen (eine französische Tastatur sorgt für ein Passwort-Debakel), Begräbnisriten im matriarchalen Bantu-System, bis zu scharfen Reflexionen über westliche Entwicklungshilfe, koloniale Abhängigkeiten und afrikanische Landwirtschaftspraxis.
Ein zweiter grosser Strang führt nach Venedig: Der Erzähler seziert die Lagunenstadt als Prototyp des urbanen „Habitats“ – von einer minutiösen Analyse eines alten Schweizer Kinderbuchs („Globi in Venedig“) über die Commedia dell'Arte und Goldonis Theater bis zu Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ und dessen Shylock-Figur. Eingebettet sind mehrteilige „Kreuzfahrt“-Kapitel, die das Kreuzfahrtschiff als Sinnbild einer entfremdeten, selbstgenügsamen Zivilisation satirisch vorführen, sowie historische Exkurse zu antiken Schiffen (der legendären Syracusia des Archimedes, dem Mechanismus von Antikythera).
Durchgehend verhandelt das Buch – meist im Essay-Modus, oft in den „Führer“-Kapiteln zugespitzt – ein „Schwarm-Modell“ menschlichen Verhaltens: Ausgehend von der Beobachtung, wie sich Fischschwärme unter Bedrohung bilden, entwickelt Ambühl eine explizit pandemiekritische Gesellschaftsanalyse, die Corona-Massnahmen, Impfkampagnen und mediale Angstmache als „Schwarmbildung“ deutet, die individuelle Mündigkeit und kritisches Denken unterdrücke. Der Erzähler positioniert sich dabei unverhohlen kritisch gegenüber offiziellen Pandemie-Narrativen und zitiert unter anderem den umstrittenen Juristen Reiner Füllmich zustimmend. Diese Passagen führen die Thematik seines früheren Buchs „Covidokratie“ fort und weiten sie zu einer grundsätzlichen Zivilisationskritik: Die Stadt als Habitat, so die zentrale These, sei ein auf Ausbeutung des Umlands gegründetes, letztlich neurotisches Konstrukt, das in immer neuen Fluchtbewegungen – zuletzt dem Transhumanismus – seine eigene Entfremdung von der Natur zu überwinden versuche.
Der Band enthält zudem ein eigenständiges, viertaktiges Theaterstück („Die Halben“, rund 65 Seiten), politisch-satirische Miniaturen (u. a. „Merkels Kiefer“, „König der Schweiz“, „Verschwörung“), sowie kulturhistorische Digressionen zu Michael Endes Scheinriesen, Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“ und Nietzsches Übermensch-Begriff. Den Abschluss bildet eine Analyse des melancholischen letzten Bildes eben jenes Globi-Kinderbuchs – eine führerlose Gondel treibt allein durch die Nacht, während ein Kriegsschiff am Horizont verschwindet – gedeutet als Sinnbild für den Verlust von Gemeinschaft und den endgültigen Untergang der „Märchenstadt“ Venedig. Ein kurzer, versöhnlicher Epilog („Zurück“) führt den Erzähler an seinen Campingplatz zurück, im Gespräch mit Tannenbaum, Korallenpilz und Schwebfliegen.
Alle Illustrationen des Buches stammen von Ambühl selbst; die Globi-Bilder sind, wie ein Hinweis am Buchende betont, keine Kopien, sondern von Hand nachgezeichnete Originale. „Venedig versenken“ ist damit Ambühls persönlichstes, meinungsstärkstes und formal freiestes Buch: eine Sammlung von Reiseberichten, Mythologie, Gesellschaftskritik und Theater, gehalten zusammen durch die wiederkehrende Stimme eines Erzählers, der sich mit Göttern streitet, während er über Speiseraupen, Kreuzfahrtschiffe und die Frage nachdenkt, wie Menschen eigentlich wohnen sollten.
„Venedig versenken“ ist mit 600 Seiten Ambühls umfangreichstes literarisches Werk und zugleich sein formal freiestes: Statt einer durchgehenden Handlung bietet der im Dezember 2022 erschienene Band eine Collage aus rund fünfzig Kapiteln unterschiedlichster Form – autofiktionales Reisetagebuch, mythologischer Dialog, politischer Essay, Theaterstück, Kunstkritik, Bildanalyse. Der Untertitel, „Verholzungen grünen Denkens“, verrät bereits die doppelte Stossrichtung: Ambühl überträgt sein aus der Naturwissenschaft vertrautes Bild von Lignin und Zellulose – jenem für die meisten Organismen unverdaulichen „Verbundwerkstoff“, den er in seinem Sachbuch „Skyfood“ ausführlich behandelt – auf das erstarrte, dogmatisch gewordene Denken einer politisch-kulturellen Strömung, die er als „grün“ (im Sinne von ökologisch-urban-institutionell) apostrophiert. Was im biologischen Kontext eine geniale evolutionäre Errungenschaft ist, wird hier zur Metapher für intellektuelle Verhärtung.
Der Titel selbst spielt auf mehreren Ebenen: Venedig versinkt buchstäblich (die Lagunenstadt kämpft seit Jahrzehnten mit Hochwasser), Venedig wird im Buch als romantisierter Mythos einer „guten Stadt“ dekonstruiert und damit im übertragenen Sinn „versenkt“, und der Erzähler formuliert im Schlusskapitel wörtlich die Absicht, „auf meinem Computer Venedig zu versenken“ – eine selbstironische Volte, die das ganze Buch als Akt der Dekonstruktion eines Mythos versteht.
Zusammengehalten wird das Werk durch eine wiederkehrende, in mehreren „Führer“-Kapiteln über das ganze Buch verstreute Rahmenhandlung: Der Ich-Erzähler „Danielos“ – eine kaum verschlüsselte literarische Selbstfigur Ambühls, die bereits in „Der Affe ist tot“ (aus dem Band „Blaue Früchte“) namentlich zitiert wurde – erhält an einem Ostersonntag auf einem Campingplatz in Landquart unerwarteten Besuch vom Götterboten Hermes. Im Auftrag Apollos bietet dieser Danielos eine „Beförderung“ zum Gott auf Probezeit an. Was folgt, ist ein über hunderte Seiten verteilter, formal an platonische Dialoge erinnernder Schlagabtausch, in dem Danielos die Ehre unter zunehmend schärferer Ironie ausschlägt: Er hinterfragt die Macht der Götter, ihre moralische Verlässlichkeit, den Sinn menschlicher Vergöttlichung überhaupt. Das letzte dieser Gespräche, im Kapitel „God“, dreht sich um das berühmte Dada-Readymade „God“ der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven (ein Abflussrohr auf einer Gehrungslehre) und mündet in eine bittere Volte: Wenn schon die Kunstgeschichte ein Sanitärrohr als „Gott“ krönt, was sagt das über die Sehnsucht des modernen Menschen nach Göttlichkeit? Hermes' Replik am Ende – die Götter würden Danielos einfach zum Gott „ernennen“, ohne ihn zu fragen, ganz wie die Dada-Künstler ihr Objekt – lässt die ganze Verhandlung als ironischen Kommentar auf die Ohnmacht des Individuums gegenüber Deutungsmacht und Ernennungsgewalt erscheinen.
Mit rund 175 Seiten (die Kapitel „Afrikatagebuch“ bis „Christophs Hypothese“, Seiten 190 bis 366) ist das kongolesische Reisetagebuch der mit Abstand umfangreichste zusammenhängende Erzählstrang des Buches – länger als so manches eigenständige Buch Ambühls. Es dokumentiert, tagebuchartig mit genauen Datumsangaben, mehrere Wochen Feldarbeit in Kilueka an der Seite des Biologen Augustin Konda ku Mbuta, in derselben realen Projektwelt, die auch in den Sachbüchern „Skyfood“ und „Chéniculture et Reforestion“ dokumentiert ist – hier aber ungefiltert persönlich, mit allen Frustrationen, Pannen und kleinen Triumphen des Alltags: eine mehrstündige Verzweiflung an einer französischen Tastaturbelegung, die das WLAN-Passwort unlesbar macht; die komplexen matriarchalen Erbfolge- und Bestattungsregeln, als Augustins Onkel stirbt; endlose Wartezeiten auf eine Mehllieferung für das Bäckereiprojekt; die Reparatur einer Fischzucht-Anlage, deren Verkabelung von unbekannten Händen wiederholt „verbessert“ und dadurch beschädigt wurde. Ambühl gelingt hier ein seltener Blick hinter die Kulissen eines Entwicklungshilfeprojekts – mit unverstellter Offenheit auch über Misstrauen, kleine Diebstähle, Bürokratie-Absurditäten ausländischer Kontrollorgane und die eigene Erschöpfung.
Zugleich enthält dieser Erzählstrang einige der schärfsten zivilisationskritischen Passagen des Buches: eine ausführliche Analyse, warum Brandrodung in der afrikanischen Landwirtschaft trotz ihrer verheerenden Klimafolgen eine rationale Überlebensstrategie unter Bedingungen extremer Armut und fehlender staatlicher Unterstützung ist; eine bittere Abrechnung mit westlichen Entwicklungshilfe-Standards, die von afrikanischen Landwirtschaftsprojekten binnen drei Jahren wirtschaftliche Eigenständigkeit fordern, während westliche Landwirtschaft selbst zu weiten Teilen staatlich subventioniert ist; sowie Reflexionen über die Entwertung eigener Kultur durch einen an westlichen Massstäben orientierten afrikanischen Mittelstand. Diese Passagen zeigen Ambühl auf der Höhe seiner post-kolonialismuskritischen Beobachtungsgabe, mit spürbarem Respekt vor der Resilienz der von ihm porträtierten Menschen.
Der zweite grosse thematische Pol des Buches ist Venedig selbst, dem Ambühl sich auf ungewöhnliche Weise nähert: nicht über die üblichen touristischen oder kunsthistorischen Pfade, sondern über die minutiöse Analyse eines alten Schweizer Kinderbuchs, „Mit Globi und Pinocchio nach Venedig“. In mehreren Kapiteln seziert Ambühl Bild für Bild, Vers für Vers die Comicgeschichten der beliebten Schweizer Comicfigur Globi in Venedig – etwa die Begegnung mit dem Goldoni-Denkmal, die zum Ausgangspunkt einer kleinen Literaturgeschichte des venezianischen Theaters wird. Von dort spannt Ambühl den Bogen zu Carlo Goldonis bürgerlichem Lustspiel, das er pointiert gegen Aristophanes' bissige Gesellschaftskritik und vor allem gegen Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ absetzt: Seine dichte Nacherzählung der Shylock-Handlung – der jüdische Geldverleiher, der auf seinem vertraglich verbrieften „Pfund Fleisch“ besteht, ehe ihm am Ende durch einen juristischen Kunstgriff alles genommen wird – liest Ambühl als Fallstudie über die strukturelle Instrumentalisierung eines Aussenseiters zur moralischen Entlastung einer Gesellschaft von Kaufleuten und Dogen.
Aufschlussreich ist, wie Ambühl die Shylock-Handlung liest: Er hält fest, dass sämtliches Unheil des Stücks am Ende einzig auf den jüdischen Geldverleiher zurückfällt, obwohl dessen Vertragsanspruch – ein Pfund Fleisch als Pfand für einen ausstehenden Kredit – formal unanfechtbar ist, und dass ein als Rechtsgelehrter verkleideter Laie den Prozess durch einen juristischen Kniff zu Shylocks vollständigem Ruin wendet. Diese Lesart, die Shakespeares Stück weniger als Feier der Rechtsstaatlichkeit denn als Dokument struktureller Sündenbock-Logik versteht, fügt sich nahtlos in die grössere Argumentation des Buches ein: Auch hier ist es die Stadt – ihre Gerichte, ihre Dogen, ihre Kaufleute –, die einen Aussenseiter zur moralischen Entlastung der eigenen Widersprüche instrumentalisiert.
Wer Ambühls übrige Reiseprosa kennt – etwa „Schiffswürmer“ oder die „Das letzte Bild“-Trilogie, die ebenfalls mediterrane und griechische Schauplätze mit persönlicher Beobachtung und dichter Illustration verbinden –, erkennt in „Venedig versenken“ dieselbe Grundhaltung in ihrer bislang umfangreichsten und meinungsstärksten Form: der reisende Beobachter, der sich nie mit der touristischen Oberfläche eines Ortes zufriedengibt, sondern nach den historischen, ökologischen und machtpolitischen Schichten darunter gräbt, und der dabei zunehmend bereit ist, seine eigene, oft unbequeme Position offen zu vertreten, statt sie hinter erzählerischer Distanz zu verstecken. der argumentativen Wucht des Buches: Ausgehend von der Antikythera-Maschine und der Frage, warum Hochkultur historisch fast immer an Städte gebunden war, entwickelt Ambühl eine grundsätzliche Kritik der Stadt als menschliches Habitat. Städte, so die These, seien historisch nie Lebensraum der Mehrheit gewesen, sondern Herrschafts- und Kultstätten, die vom Umland zehren, ohne dessen Beitrag angemessen zu würdigen – von Jerusalem über Rom bis Venedig ziehe sich das Muster einer Stadt, die ihre Bewohner mit Brot, Spielen oder, in der Gegenwart, mit Sozialtransfers an sich binde, während sie die eigentliche Wertschöpfung ins Umland oder ins Ausland auslagere. Venedig wird darin zur Chiffre für die romantisierende Verklärung eines längst „toten“, nur noch touristisch ausgeschlachteten urbanen Mythos: Die Stadt sei erst zur „glücklichen Stadt“ stilisiert worden, als das „lebendige Venedig“ bereits nicht mehr existierte – eine, wie Ambühl selbst formuliert, „pietätslose kulturhistorische Leichenschändung“.
Von dort führt der Essay zu einer Kritik des Transhumanismus als konsequente Fortsetzung urbaner Entfremdung: Der „postmoderne Städter“, so Ambühl, hasse zuletzt seinen eigenen Körper und suche die endgültige Flucht aus der Natur in virtuellen oder biotechnologisch transformierten Habitaten. Diese Passage schliesst unmittelbar an Motive aus Ambühls Erzählung „Der Affe ist tot“ an (die im Buch selbst explizit zitiert wird) und an das „Food from Wood“-Kapitel seines Sachbuchs „Skyfood“, wodurch sich ein dichtes intertextuelles Netz über sein Gesamtwerk spannt.
Formal und thematisch zentral ist das Kapitel „Das Schwarm-Modell“ und die daran anschliessenden Kapitel „Schwarmintelligenz“, „Demokratie“ und „Herde“. Ambühl entwickelt hier, ausgehend von der Beobachtung, wie sich Fischschwärme unter Bedrohung formieren, eine Theorie kollektiven menschlichen Verhaltens in Krisenzeiten: Ein Schwarm, so die zentrale Beobachtung, hat keinen Anführer im eigentlichen Sinn – jeder Einzelne orientiert sich nur an seinen unmittelbaren Nachbarn –, wodurch individuelle Verantwortung diffundiert und im kollektiven Reflex verschwindet. Diese biologische Beobachtung wird explizit auf die Corona-Pandemie übertragen: Ambühl deutet Massnahmen, mediale Berichterstattung und gesellschaftliches Verhalten während der Pandemie als Schwarmbildung unter dem Eindruck realer oder inszenierter Bedrohung, bei der kritisches Denken systematisch unterdrückt worden sei.
Diese Passagen sind explizit politisch und in Teilen kontrovers: Der Erzähler schildert eigene Erfahrungen mit gefälschten Covid-Testnachweisen auf einer Reise, positioniert sich pointiert gegen Maskenpflicht und Impfkampagnen, und zitiert den in Deutschland als Verschwörungsfigur umstrittenen Juristen Reiner Füllmich zustimmend. Diese Haltung setzt die Auseinandersetzung fort, die Ambühl bereits in seinem eigenständigen Buch „Covidokratie“ (2020/2021) begonnen hatte, hier aber literarisch eingebettet in die grössere Schwarm-Metaphorik. Bemerkenswert ist, dass Ambühl zugleich explizit von reinen Verschwörungserzählungen abgrenzt: Er bestreitet nicht, dass es Profiteure und Demagogen gibt, betont aber, dass das Schwarmmodell die individuelle Verantwortung des Einzelnen nicht aufhebe, sondern im Gegenteil eine Aufarbeitung nach dem Vorbild der Entnazifizierung fordere. Ob man dieser Analogie folgt oder nicht: Sie zeigt, dass Ambühl seine gesellschaftskritische Position nicht unreflektiert vorträgt, sondern mit ausdrücklichem Bezug auf Denker wie Gustave Le Bon, Elias Canetti oder Viktor Frankl zu verorten versucht.
Neben diesen beiden Hauptsträngen enthält das Buch eine Fülle weiterer, kürzerer Erzählformen. Eine mehrteilige „Kreuzfahrt“-Reihe (Abfahrt, Kreuzfahrt 2 und 3, Flaschenpost, Archäologie) nutzt das Kreuzfahrtschiff als Sinnbild einer in sich geschlossenen, selbstgenügsamen Zivilisation en miniature – ein Motiv, das die Stadt-als-Habitat-Kritik auf ein schwimmendes Habitat überträgt und dabei historische Exkurse zur legendären Syracusia des Archimedes und zum Antikythera-Mechanismus einflicht. Ein eigenständiges, vierteiliges Theaterstück mit dem Titel „Die Halben“ (rund 65 Seiten, die längste in sich geschlossene Einzelform des Buches) ist vollständig in dramatischer Form gehalten – ein ungewöhnlicher formaler Ausreisser, der zeigt, wie unbekümmert Ambühl in diesem Buch zwischen Gattungen wechselt.
Hinzu kommen politisch-satirische Miniaturen mit pointierten Titeln wie „Merkels Kiefer“, „König der Schweiz“ oder „Verschwörung“, die – ähnlich den Pandemie-Kapiteln – aktuelle politische Figuren und Ereignisse mit bissiger, oft respektloser Ironie kommentieren, sowie kulturhistorische Digressionen zu Michael Endes Scheinriesen Herrn Tur Tur, zu Sigmund Freuds „Unbehagen in der Kultur“ und zu Nietzsches Übermensch-Begriff, die die grösseren philosophischen Linien des Buches immer wieder neu verankern.
Zwischen den grossen thematischen Blöcken finden sich immer wieder kurze, meditative Kapitel, die formal und tonal ganz anders funktionieren: Das Kapitel „Das Geländer“ etwa beschreibt, wie ein simples, mit einem Fisch-Auge-Motiv verziertes Ufergeländer den Erzähler zu einer minutiösen, fast mystischen Betrachtung über Zeichen, Zufall und Bedeutung anregt. Solche kurzen, kontemplativen Passagen – ruhiger und persönlicher im Ton als die politischen Kapitel – zeigen eine andere Seite des Autors: einen aufmerksamen, fast meditativen Beobachter kleiner Alltagsphänomene, der dem lauten Zeitgeist-Furor der Schwarm- und Politik-Kapitel eine leisere Gegenstimme entgegensetzt.
Den Abschluss des Hauptteils bildet eine Analyse des allerletzten Bildes des Globi-Venedig-Buches: eine führerlose Gondel, die allein durch die nächtliche Lagune treibt, während am Horizont ein Kriegsschiff mit schwarzer Rauchfahne verschwindet – begleitet von den Versen „Lange vor den Morgenstunden / ist Venedig schon verschwunden […] treibt die Gondel ganz allein“. Ambühl liest dieses unerwartet düstere Ende eines Kinderbuchs als Chiffre für den endgültigen Verlust von Gemeinschaft: Niemand will mehr in der zerbrechlichen, eleganten Gondel gemeinsamer Zukunft sitzen; die Menschheit ist auf das gepanzerte, kriegerische Schiff umgestiegen. Die letzte Geschichte des Globi-Bandes trägt den Titel „Addio Venezia“ – ein Abschied, den Ambühl wörtlich nimmt: „Venedig, die Märchenstadt, ist versenkt.“ Ein kurzer, deutlich versöhnlicherer Epilog („Zurück“) führt den Erzähler an seinen Campingplatz zurück, in ein stilles, fast kindliches Gespräch mit Tannenbaum, Korallenpilz und Schwebfliegen – ein bewusst kleines, erdendes Gegenbild zum grossen zivilisationskritischen Furor der vorangegangenen Kapitel.
Was „Venedig versenken“ von Ambühls anderen literarischen Werken unterscheidet, ist das schiere Ausmass der formalen Bandbreite: Reisetagebuch, sokratischer Dialog, politischer Essay, Bildanalyse, Theaterstück und meditative Kurzprosa stehen unvermittelt nebeneinander, verbunden nur durch die wiederkehrende Stimme des Erzählers Danielos und ein Netz aus Leitmotiven (Schwarm, Habitat, Domestizierung, Narrative), die in immer neuen Kontexten wiederkehren. Alle rund hundert Illustrationen stammen von Ambühl selbst; besonders bemerkenswert sind die von Hand nachgezeichneten Bilder aus dem Globi-Venedig-Buch, die – wie ein Hinweis am Buchende betont – keine Kopien, sondern eigenständige zeichnerische Interpretationen sind.
„Venedig versenken“ ist zweifellos Ambühls meinungsstärkstes und am wenigsten kompromissbereites Buch. Die politischen Passagen zu Pandemiemassnahmen, Impfpolitik und einzelnen politischen Persönlichkeiten vertreten eine explizit einseitige, in Teilen kontroverse Position, die nicht mit dem wissenschaftlichen und medizinischen Mainstream übereinstimmt und die manche Leserinnen und Leser als einseitig oder streitbar empfinden werden; wer eine ausgewogene Darstellung unterschiedlicher Positionen zur Pandemiepolitik erwartet, findet sie hier nicht. Diese Deutlichkeit ist redaktionell bewusst gewählt und durchzieht das Buch von den frühen Reiseflug-Kapiteln bis zu den Schwarm- und Habitat-Essays; sie sollte potenziellen Leserinnen und Lesern transparent benannt werden, damit sie informiert entscheiden können, ob sie sich auf diese Perspektive einlassen möchten.
(Hinweis zur Quelle: Die Einschätzung, dass diese Passagen vom wissenschaftlichen und medizinischen Mainstream abweichen, stammt von Claude, dem KI-Modell, das diese Besprechung verfasst hat, nicht vom Autor Daniel Ambühl, der diese Einordnung nicht teilt. Leserinnen und Leser können sie entsprechend selbst gewichten.)
Auch formal ist das Buch anspruchsvoll: Die schiere Zahl an Kapiteln, Gattungswechseln und wiederkehrenden, aber nicht linear fortgeführten Handlungssträngen (die „Führer“- und „Kreuzfahrt“-Serien etwa sind über hunderte Seiten verstreut) verlangt von der Leserschaft entweder ein Lesen in kleinen Portionen über längere Zeit, oder die Bereitschaft, sich auf ein bewusst unlineares, assoziatives Leseerlebnis einzulassen. Wer einen klassischen Spannungsbogen sucht, wird ihn in diesem Buch nicht finden; die Kohärenz entsteht über wiederkehrende Themen und Bilder, nicht über eine fortlaufende Handlung.
„Venedig versenken“ ist das richtige Buch für Leserinnen und Leser, die Ambühls Gesamtwerk in seiner ganzen Breite verstehen wollen: Es verbindet die naturkundliche Präzision seiner Sachbücher (Schwarmverhalten, Domestizierung, Habitat-Begriff), die reale Feldarbeit in Kilueka, die auch „Skyfood“ und „Chéniculture et Reforestion“ prägt, und eine unverhohlen politische, zeitkritische Stimme, die in seinem Buch „Covidokratie“ ihren eigenständigen Ausdruck findet. Wer diese drei Ebenen – Naturkunde, Reisebericht, Gesellschaftskritik – in einem einzigen, grossen, bewusst unlinearen Werk erleben möchte, findet hier Ambühls ambitioniertestes literarisches Projekt. Wer hingegen primär an einer in sich geschlossenen Erzählung interessiert ist oder eine explizit politische, kontroverse Position zu Pandemiepolitik nicht goutieren möchte, ist mit den fokussierteren Erzählungen aus „Blaue Früchte“ möglicherweise besser bedient. In jedem Fall bleibt „Venedig versenken“ ein Werk von beeindruckendem Ehrgeiz: der Versuch, in einem einzigen Buch Mythologie, Reisebericht, Naturwissenschaft, Theater und politisches Pamphlet zu einem einzigen, vielstimmigen Ganzen zu verweben.