Katalog-Nr. SKY–014

Skyfood — Essbare Insekten

Vom Wildfang zur Landwirtschaft

Deutsch | Januar 2019 | 250 Seiten | über 500 Abbildungen

Begleitend dazu: der YouTube-Kanal Skyfood — Edible Insects mit deutsch- und englischsprachigen Playlists.

Kurzfassung

Ambühls Standardwerk zur Esskultur mit Insekten: eine "abenteuerliche Reise vom Wildfang zur Landwirtschaft". Biologische Grundlagen, fünf Feldberichte aus Thailand, Kongo, Kamerun und China, eine Geschichte der Entomophagie-Forschung, und eine detaillierte Analyse, wie essbare Insekten domestiziert und landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden können. Verbindet wissenschaftliche Tiefe mit persönlicher Feldarbeit und einer scharfen Kritik an westlicher Stigmatisierung und Regulierungspolitik.

Zusammenfassung

„Skyfood – Essbare Insekten. Vom Wildfang zur Landwirtschaft“ ist Daniel Ambühls umfassendstes Sachbuch: das deutschsprachige Standardwerk zur Esskultur mit Insekten, 2019 erschienen, in fünf grosse Teile gegliedert – Biomasse, Esskultur, Entomophagie/Welternährung, Landwirtschaft und Wissenschaft.

Der Band beginnt mit einer persönlichen Familiengeschichte über drei Generationen Schweizer Bauern und Industriearbeiter, mit der Ambühl seine zentrale These illustriert: Der Mensch ist in wenigen Generationen von einer subsistenzwirtschaftlichen zu einer hochtechnisierten Gesellschaft übergegangen – und hat dabei das Wissen um Nahrungsquellen wie essbare Insekten verloren, das über Jahrtausende mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Der erste Sachteil, „Biomasse“, legt naturwissenschaftliche Grundlagen: Insekten als „Plankton der Lüfte“, ihre Rolle im globalen Kohlenstoff- und Stickstoffkreislauf, ihre biologischen Eigenschaften (klein, flugfähig, poikilotherm, fruchtbar, mit Chitin-Panzer) als Erklärung ihrer ökologischen Effizienz.

Das Herzstück des Buches bildet der Teil „Esskultur“ mit fünf ausführlichen, selbst recherchierten Feldberichten: aus zwei Dörfern in Nordthailand (Up Po Nong Loeng, Doi Inthanon), aus dem kongolesischen Dorf Kilueka, aus Nyasoso in Kamerun und aus Shenyang in China. Besonders das Kilueka-Kapitel ist bemerkenswert: Es dokumentiert Ambühls eigene, mehrjährige Mitarbeit am Mbinzo-Projekt der Heilsarmee zur Wiederansiedlung essbarer Speiseraupen unter der Leitung des Biologen Augustin Konda ku Mbuta – derselbe Konda, der in Ambühls belletristischer Erzählung „Kababila“ als literarische Figur wiederkehrt. Das Kapitel schildert im Detail Lichtfallenexpeditionen, Wiederaufforstung von Raupenfutterbäumen, gescheiterte und gelungene Wiederansiedlungsversuche und die Domestizierung des indischen Seidenspinners Samia ricini als Studienobjekt für lokale Speiseraupenzucht.

Der Teil „Entomophagie“ systematisiert das Thema: Speiseinsekten, Wildfang-Methoden (Lichtfallen, Handsammlung, Grabstock), „Schlachtung“ (die technisch anspruchsvolle Entfernung von Darminhalt und Chitinstrukturen), Konservierung, Märkte, Streetfood und Restaurants. Ambühl arbeitet dabei immer wieder mit kulturvergleichenden Beobachtungen – etwa dem Konzept von „Speise“ als kulturellem Konstrukt, illustriert an einer Anekdote der Anthropologin Isabel González Turmo, oder der Forschung der US-Wissenschaftlerin Julie Lesnik zum Zusammenhang zwischen Insektenkonsum und der Ernährung von Frauen und Kindern in Jäger-Sammler-Gesellschaften.

„Welternährung“ verortet das Thema politisch und wissenschaftsgeschichtlich: ein Kapitel über Pioniere der Entomophagie-Forschung (von Ulisse Aldrovandi über Jean-Henri Fabre bis zur mexikanischen Biologin Julieta Ramos-Elorduy und dem FAO-Report von 2013), eine Analyse des Konflikts zwischen „Feed“ und „Food“ innerhalb der FAO selbst, Kapitel zu Neophobie, der Schweizer Speiseinsektenverordnung, Food Safety sowie zu einzelnen umstrittenen Kandidaten wie Mistkäfern und der Black Soldier Fly. Die Stigmatisierungskapitel zeichnen die religiöse und koloniale Geschichte der Entomophobie nach, unter anderem anhand historischer Missionsberichte aus Mexiko, die zeigen, wie christliche Missionare traditionelle Insektendiäten indigener Völker aktiv unterdrückten.

Der Teil „Landwirtschaft“ widmet sich der praktischen und politischen Seite der Domestizierung: Zucht von Speise- und Futterinsekten, Kriterien für die Eignung einzelner Arten, das Nagoya-Protokoll zum Zugang genetischer Ressourcen, Futtermittelfragen und Qualitätsstandards. Der Teil „Nutzinsekten“ gibt einen systematischen Überblick über die wichtigsten Gruppen – Seidenspinner, Raupen, Bienen und Wespen, Ameisen und Termiten, Heuschrecken und Grillen, Käfer, sowie Skorpione und Spinnen als Randgruppen.

Der abschliessende Teil „Wissenschaft“ behandelt Bildungsstand und Citizen Science, Nachhaltigkeitskennzahlen (Life Cycle Assessment, Futterverwertungsrate), Haltungsbedingungen und Risiken. Höhepunkt ist das ausufernde Kapitel „Food from Wood“, eine geradezu enzyklopädische, staunende Erkundung der Ko-Evolution von Pflanzen, Pilzen und holzfressenden Insekten – von der Entstehung von Lignin und Zellulose über die Rolle methanogener Archaeen in Termitendärmen bis zur Stickstofffixierung in den Verdauungssäcken holzfressender Käferlarven. Das Buch schliesst mit einer Rangliste der zehn besten essbaren Nutzinsekten und einem ausführlichen Glossar.

Durchgehend verbindet Ambühl strenge naturwissenschaftliche Genauigkeit mit persönlichem Engagement, Reiseanekdoten und einer unverhohlen politischen Streitschrift-Haltung gegenüber Behörden, die essbare Insekten weiterhin nach dem Zufallsprinzip der Zoohandel-Verfügbarkeit statt nach kulturellem oder ökologischem Wert regulieren. „Skyfood“ ist damit zugleich populärwissenschaftliche Einführung, Feldforschungsbericht, Wissenschaftsgeschichte und politisches Manifest – das umfassendste und ambitionierteste Werk in Ambühls Sachbuch-Œuvre.

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EINLEITUNG: DAS STANDARDWERK

„Skyfood – Essbare Insekten. Vom Wildfang zur Landwirtschaft“, im Januar 2019 erschienen, ist Daniel Ambühls umfangreichstes und ambitioniertestes Buch: 250 Seiten mit über 500 Abbildungen, gegliedert in fünf grosse Teile – Biomasse, Esskultur, Entomophagie/Welternährung, Landwirtschaft und Wissenschaft. Der Untertitel benennt die Ambition präzise: Es geht nicht nur um eine Bestandesaufnahme bestehender Esskultur mit Insekten, sondern um deren mögliche Zukunft als landwirtschaftlich domestizierte Proteinquelle. Der Titel „Skyfood“ selbst ist Ambühls eigene Wortprägung, die er im Vorwort begründet: Insekten waren die ersten Tiere, die den Luftraum eroberten, weshalb er sie als „Nahrung vom Himmel“ bezeichnet – ein Bild, das zugleich sein Verlagsprojekt und seine gesamte Sachbuchreihe benennt.

Bemerkenswert ist bereits der Einstieg: Statt direkt in die Sachthematik zu springen, erzählt Ambühl die Geschichte seiner eigenen Familie über drei Generationen – vom Toggenburger Kleinbauern-Grossvater über den in der Zürcher Maschinenfabrik Escher-Wyss aufgestiegenen Vater bis zu sich selbst. Diese autobiografische Eröffnung ist mehr als Anekdote: Sie illustriert konkret und nachvollziehbar, wie rasant und vollständig sich menschliche Ernährungs- und Lebensweisen innerhalb weniger Generationen verändert haben – von der bäuerlichen Subsistenzwirtschaft zur Industriegesellschaft in nur zwei, drei Menschenleben. Diese Geschwindigkeit des Wandels, so Ambühls implizite These, ist auch der Grund, weshalb das über Jahrtausende mündlich weitergegebene Wissen um essbare Insekten in wenigen Generationen fast vollständig verloren gehen konnte – und weshalb es jetzt, solange noch Trägerinnen und Träger dieses Wissens leben, dringend dokumentiert werden muss.

BIOMASSE: DIE NATURWISSENSCHAFTLICHEN GRUNDLAGEN

Der erste Sachteil legt in kompakten, klar strukturierten Kapiteln das biologische Fundament: „Plankton der Lüfte“ verortet Insekten in der globalen Biomasse-Verteilung, „Erdmasse und Elemente“, „Kohlenstoff“ und „Stickstoff“ erklären ihre Rolle in planetaren Stoffkreisläufen, während die Kapitel zu den biologischen Grundeigenschaften der Insekten – klein, poikilotherm (wechselwarm), flugfähig, gut vernetzt, schnelllebig, fruchtbar, mit Chitin-Panzer – systematisch begründen, weshalb Insekten ökologisch und energetisch so effizient sind: Als wechselwarme Tiere verbrauchen sie im Vergleich zu Säugetieren einen Bruchteil der Energie für die Regulierung der Körpertemperatur, was ihre Futterverwertungsrate massiv verbessert. Dieser Teil ist der am dichtesten naturwissenschaftliche des Buches und liefert das begriffliche Rüstzeug für alles Folgende.

ESSKULTUR: FÜNF FELDBERICHTE

Das eigentliche Herzstück des Buches sind fünf ausführliche, selbst recherchierte Feldberichte aus Nordthailand (zwei Dörfer: Up Po Nong Loeng und Doi Inthanon), dem kongolesischen Kilueka, dem kamerunischen Nyasoso und dem chinesischen Shenyang. Diese Kapitel unterscheiden sich fundamental vom Rest des Buches: Sie sind erzählerisch, dicht mit persönlichen Begegnungen und eigenen Fotografien angereichert und lesen sich streckenweise wie Reiseliteratur – eine Nähe zu Ambühls belletristischem Werk, die kein Zufall ist.

Besonders bemerkenswert ist das Kilueka-Kapitel, weil es zeigt, dass Ambühls fiktionale Erzählung „Kababila“ (aus dem Band „Blaue Früchte“) nicht frei erfunden, sondern in realer Feldarbeit verwurzelt ist: Augustin Konda ku Mbuta, der Direktor der Genossenschaft Songa Nzila, der in „Kababila“ als literarische Figur auftritt, ist eine reale Person – ein 1954 in Kilueka geborener Biologe und Naturarzt, mit dem Ambühl seit 2016 am „Mbinzo“-Projekt der Heilsarmee arbeitet. Das Kapitel schildert detailliert, wie dieses Projekt versucht, durch Wiederaufforstung von Raupenfutterbäumen (u. a. für die Arten Imbrasia epimethea und die lokal Kaba genannten Saturniden-Raupen) verloren gegangene Speiseraupen-Populationen zurückzubringen, wie gescheiterte Versuche (etwa mit der Ngala-Raupe Cirina forda, deren importierte Population die neuen Futterpflanzen verschmähte) zu neuen Ansätzen führten, und wie der indische Seidenspinner Samia ricini – von Ambühl eigens aus Thailand mitgebracht und in seinem Arbeitszimmer in der Schweiz mit Kirschlorbeerblättern gezüchtet – als pädagogisch ideales Studienobjekt für die lokale Bevölkerung diente, weil er sich besonders einfach unter primitiven Bedingungen züchten lässt. Der Bericht über nächtliche Lichtfallen-Expeditionen mit Konda, bei denen erstmals die erwachsenen Nachtfalter zu sehen waren, aus denen die traditionell gegessenen Raupen schlüpfen, gehört zu den eindrücklichsten Passagen des gesamten Buches.

Die thailändischen Kapitel dokumentieren unter anderem die traditionelle Zubereitung von Weberameisen-Salat (Mot Daeng) und liefern detaillierte ethno-entomologische Beobachtungen zu regionalen Unterschieden selbst innerhalb eines Landes – etwa dass in einem Dorf nur zwei von zweihundert bekannten Mistkäferarten als essbar gelten, während im Nachbardorf deutlich mehr Arten verzehrt werden. Diese Feinkörnigkeit der Beobachtung – Ambühl besteht darauf, dass Entomophagie nicht als monolithische „asiatische“ oder „afrikanische“ Praxis verallgemeinert werden darf, sondern von Clan zu Clan, Dorf zu Dorf variiert – ist ein methodischer Grundzug des ganzen Buches.

ENTOMOPHAGIE UND WELTERNÄHRUNG: SYSTEMATIK UND WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Der dritte Teil systematisiert das gesammelte Feldmaterial. „Speiseinsekten“ eröffnet mit einer wichtigen begrifflichen Unterscheidung – zwischen „essbaren“ und „Speise“-Insekten, die Ambühl mit einer Anekdote der spanischen Anthropologin Isabel González Turmo illustriert: Eine Feldforscherin in Andalusien konnte lange nicht verstehen, warum ihre Informanten auf die Frage nach ihrem Lieblingsessen immer nur „Comida“ (Essen) antworteten, bis sie begriff, dass für diese Menschen nur der tägliche Eintopf überhaupt als „Speise“ zählte – alles andere war zwar essbar, aber kein „Essen“ im kulturellen Sinn. Diese Unterscheidung wird zum Schlüssel für Ambühls Kritik an der EU- und Schweizer Regulierungspraxis: Die amtlich zugelassenen Speiseinsekten-Arten wurden nicht nach kulturellem oder ernährungsphysiologischem Wert ausgewählt, sondern schlicht aus der Zoohandel-Verfügbarkeit übernommen.

Das Kapitel „Entomophagie“ vertieft die Forschung der US-Wissenschaftlerin Julie Lesnik, die zeigt, dass in vielen traditionellen Gesellschaften vor allem Frauen und Kinder Insekten sammeln, und die These entwickelt, dass Insekten überproportional die Nährstoffe liefern, die für die Entwicklung von Frauen und Kindern besonders wichtig sind (vor allem Eisen und Protein) – ein Gender-Aspekt der Entomophagie, den Ambühl als eklatant unterforscht kritisiert. Die Kapitel „Wildfang“, „Schlachtung“ und „Konservierung“ liefern eine technisch genaue Systematik der Erntemethoden (Lichtfallen, Handsammlung, Grabstock-Ausgrabung) und der überraschend komplexen „Schlachtung“ von Insekten – die Entfernung von Darminhalt und mechanisch gefährlichen Chitinstrukturen, illustriert an konkreten Beispielen von Palmrüsselkäfern bis zu Mopane-Würmern, deren Darminhalt von Hand ausgedrückt wird.

„Welternährung“ verortet das Thema in seiner Wissenschafts- und Kolonialgeschichte. Das Kapitel „Pioniere“ ist eine kleine Wissenschaftsgeschichte der westlichen Entomophagie-Forschung: von Ulisse Aldrovandi (1522–1605), dessen Werk „De animalibus insectis“ von 1618 erste Hinweise auf europäische Insekten-Esskultur enthält, über den vielfach unterschätzten Jean-Henri Fabre, dessen berühmte Begegnung mit Louis Pasteur 1865 – die eigentlich der Rettung der französischen Seidenraupenzucht galt – Ambühl kenntnisreich nacherzählt, bis zur mexikanischen Biologin Julieta Ramos-Elorduy, deren umfangreiches spanischsprachiges Werk im englischsprachigen Wissenschaftsbetrieb laut Ambühl zu Unrecht wenig Beachtung fand. Besonders scharf ist die Analyse der missionarischen Unterdrückung traditioneller Insektendiäten, belegt mit historischen Quellen eines Jesuitenpriesters aus dem kalifornischen Missionsgebiet des 18. Jahrhunderts, der beschreibt, wie Missionare indigene Bevölkerungen zum Rinderfleischkonsum zwangen und damit sowohl ökologisch als auch ernährungsphysiologisch sinnvolle Traditionen zerstörten.

Die folgenden Kapitel – „FAO“, „Feed vs. Food“, „Neophobie“, „Speiseinsektenverordnung“, „Food Safety“ – analysieren die Gegenwart der Regulierungspolitik mit derselben Detailgenauigkeit, die schon „Beezza!“ auszeichnete, hier aber auf breiterer wissenschaftlicher Grundlage und mit ausführlicheren Quellenangaben. Ambühl dokumentiert insbesondere den internen Konflikt innerhalb der FAO selbst zwischen der Forstabteilung, die 2013 den einflussreichen „Edible Insects“-Report initiierte, und mächtigeren Abteilungen, die stärker auf Insekten als Tierfutter statt als menschliches Lebensmittel setzen – eine Spannung, die Ambühl als Symptom einer grundsätzlichen politischen Marginalisierung des Themas deutet. Die Kapitel zu „Mistkäfer“, „Black Soldier Fly“, „Shitcoins“ und „BSFL-Composter“ (BSFL = Black Soldier Fly Larvae) behandeln umstrittene Kandidatenarten für die industrielle Insektenzucht kritisch-differenziert, ohne die Grundthese des Buches – Priorität für kulturell verankerte, bereits traditionell genutzte Arten statt für industriell optimierte Neuentwicklungen – zu verlassen.

Die Stigmatisierungskapitel „Entomophobe vs. Entomophage“ und „Der schlechte Ruf der Insekten“ führen die kulturhistorische Analyse fort, die bereits in „Beezza!“ angelegt war, hier aber mit deutlich mehr historischen Quellen und wissenschaftlicher Tiefe unterfüttert – eine Weiterentwicklung, die zeigt, wie sich Ambühls Argumentation von Buch zu Buch verfeinert und ausdifferenziert hat.

LANDWIRTSCHAFT: VON DER DOMESTIZIERUNG ZUR ZUCHT

Der vierte Teil wendet sich der praktischen und politischen Seite der Domestizierung zu. Die Kapitel „Zucht von Speiseinsekten“ und „Zucht von Futterinsekten“ unterscheiden präzise zwischen den unterschiedlichen Anforderungen dieser beiden Zuchtformen, während „Domestizierung“ und „Strategien und Zielsetzungen“ die grundsätzliche Frage stellen, nach welchen Kriterien aus der riesigen Zahl wild gesammelter Speiseinsekten diejenigen ausgewählt werden sollen, die sich tatsächlich für eine landwirtschaftliche Produktion eignen – eine Frage, die Ambühl explizit mit der ersten landwirtschaftlichen Revolution vor 10'000 Jahren vergleicht, als die Menschheit erstmals entscheiden musste, welche gejagten Wildtiere sich für Domestizierung eignen. „Nagoya“ behandelt das internationale Nagoya-Protokoll zum Zugang genetischer Ressourcen und dessen Bedeutung für den internationalen Austausch von Zuchtinsekten – ein juristisch komplexes, aber für die praktische Projektarbeit (wie den internationalen Transport der Samia-ricini-Kokons nach Kilueka) hochrelevantes Thema. „Futtermittel für Insekten“, „Insekten als Futtermittel“ und „Qualität“ runden den systematischen Teil ab.

NUTZINSEKTEN: DIE SYSTEMATISCHE ÜBERSICHT

Der Teil „Kulturinsekten“ (im Buch auch „Nutzinsekten“ genannt) gibt einen systematischen Überblick über die wichtigsten Gruppen essbarer und nutzbarer Insekten: Seidenspinner, Raupen im Allgemeinen, Bienen und Wespen, Ameisen und Termiten, Heuschrecken und Grillen, Käfer, sowie ein kürzeres Kapitel zu weiteren Insekten und den (streng genommen nicht zu den Insekten zählenden) Skorpionen und Spinnen. Diese Kapitel funktionieren als eine Art Nachschlagewerk innerhalb des Buches und sind entsprechend dichter mit taxonomischen und praktischen Detailinformationen versehen als die erzählerischeren Feldbericht-Kapitel – ein Aufbau, der dem Buch trotz seiner thematischen Breite eine klare Navigierbarkeit gibt: Wer sich für eine bestimmte Insektengruppe interessiert, findet im entsprechenden Kapitel eine kompakte Einführung, während wer sich für den grösseren gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontext interessiert, in den umliegenden Teilen fündig wird.

WISSENSCHAFT: VON CITIZEN SCIENCE BIS ZUR SYMBIOSE DES HOLZFRASSES

Der letzte grosse Teil behandelt Bildungsstand und Citizen Science (mit einer Wertschätzung von Hobbyzüchterinnen und -züchtern exotischer Insekten als eigentlichen Fachleuten der Materie, ein Motiv, das bereits in „Beezza!“ zentral war), Nachhaltigkeitskennzahlen wie Life Cycle Assessment (LCA) und Futterverwertungsrate (FCR), sowie Haltungsbedingungen und Risiken der industriellen Insektenzucht.

Den unbestrittenen intellektuellen Höhepunkt des gesamten Buches bildet jedoch das ausufernde, geradezu enzyklopädische Kapitel „Food from Wood“. Ausgehend von der auf den ersten Blick absurden, auf den zweiten Blick brillant hergeleiteten Frage, weshalb Menschen kein Holz essen können, obwohl es enorme Mengen an Kohlenhydraten enthält, entfaltet Ambühl eine faszinierende Erzählung über die Ko-Evolution von Pflanzen, Pilzen und Insekten: die Entstehung von Lignin und Zellulose als für die meisten Organismen unverdaulicher „Verbundwerkstoff“, die Entstehung riesiger, unzersetzter Holzablagerungen im Erdzeitalter des Karbon (die heutigen Kohle- und Erdölvorkommen), die erst rund 100 Millionen Jahre später entwickelte Fähigkeit von Pilzen und Bakterien, Zellulose aufzuschliessen, die Rolle methanogener Archaeen in den Verdauungssystemen von Termiten (die Ambühl mit bemerkenswerter Anschaulichkeit als „überdimensionierte Termitenmägen“ mit Biogasanlagen vergleicht), bis zur kunstvollen Zusammenarbeit holzfressender Käferlarven mit stickstofffixierenden Mikroorganismen, die es den Tieren erlaubt, aus einem praktisch stickstofffreien Substrat wie Holz dennoch ausreichend Protein zu gewinnen. Dieses Kapitel zeigt Ambühl auf der Höhe seiner naturwissenschaftlichen Erzählkunst: präzise, staunend, mit einer Freude an Zusammenhängen, die weit über das eigentliche Entomophagie-Thema hinausreicht und das Buch zu einem eigenständigen Beitrag zur populären Naturkunde macht.

Methodisch bemerkenswert ist auch das Schlusskapitel „Die besten Insekten als Nutztiere“, in dem Ambühl einen selbst entwickelten, mit dem Kürzel INTI bezeichneten Bewertungsindex vorstellt: rund zwanzig Kriterien – von Kulturerfahrung und Zuchterfahrung über Nahrungskonkurrenz zum Menschen, Reproduktionsrate, Invasivität, Energie- und Wasserbedarf bis zu regulatorischem und administrativem Aufwand –, mit denen er 21 Kandidatenarten auf einer Skala von null bis vier bewertet und zu einem Gesamtscore verrechnet. Ambühl macht dabei transparent, dass die Gewichtung der Kriterien subjektiv und die Rangliste bei anderer Gewichtung veränderbar ist, und stellt die zugrunde liegende Tabelle zur eigenen Nachbearbeitung auf der Skyfood-Website zum Download bereit – ein für ein Sachbuch ungewöhnlich transparenter, geradezu partizipativer Umgang mit der eigenen Methodik. Bemerkenswert ist das Ergebnis: Unter den fünf bestplatzierten Arten finden sich fast ausschliesslich Seidenspinner, angeführt vom chinesischen Eichenseidenspinner Antheraea pernyi, gefolgt von Samia ricini und dem madagassischen Atherina suraka – eine Pointe, die Ambühl selbst überrascht habe, sich aber im Nachhinein logisch erschliesse, weil gerade Seidenspinner nicht in Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehen, in einfachen Low-Tech-Settings gehalten werden können und mit der Seide einen wertvollen Nebenertrag liefern.

Den Abschluss bilden ein Kapitel „Nitrogenase“ (vertiefende Behandlung der biologischen Stickstofffixierung), eine kommentierte Rangliste „Die zehn besten Nutzinsekten“ als praktische Zusammenfassung der Buchargumentation, und ein ausführliches Glossar, das dem Buch auch als Nachschlagewerk Bestand verleiht.

STIL, METHODE UND EINORDNUNG

Was „Skyfood“ von einer reinen Fachpublikation unterscheidet, ist die durchgehende Verbindung von drei methodischen Ebenen: strenger naturwissenschaftlicher Argumentation (Biomasse, Stoffkreisläufe, Nachhaltigkeitskennzahlen), ethnografischer Feldforschung aus erster Hand (die fünf Reisekapitel, mit eigenen Fotografien und jahrelangen persönlichen Kontakten dokumentiert) und politisch-publizistischem Engagement (die wiederkehrende Kritik an Regulierungsbehörden, kolonialer Wissenschaftsgeschichte und westlicher Ignoranz gegenüber aussereuropäischem Wissen). Diese drei Ebenen wechseln sich oft innerhalb weniger Seiten ab, was dem Buch einen ungewöhnlichen, aber charakteristischen Rhythmus gibt: Eine strenge biologische Herleitung kann unvermittelt in eine persönliche Reiseanekdote übergehen und von dort in eine polemische Beobachtung zur Regulierungspolitik – ein Wechsel, den Leserinnen und Leser von Ambühls anderen Sachbüchern bereits aus „Beezza!“ kennen, hier aber auf deutlich grösserer thematischer Bandbreite und mit spürbar gewachsener wissenschaftlicher Tiefe.

Die über 500 Abbildungen – eigene Feldfotografien, historische Illustrationen (etwa aus Aldrovandis Insektenbuch von 1618), Porträts von Wissenschaftlerinnen und Projektpartnern, Marktszenen aus vier Kontinenten – sind durchgehend mit informativen, oft selbst kleine Sachtexte bildenden Legenden versehen und tragen wesentlich zur Glaubwürdigkeit und Anschaulichkeit des Buches bei. Wie schon bei „Beezza!“ ist die Bilddichte so hoch, dass das Buch streckenweise als dokumentarisches Fotobuch gelesen werden kann.

KRITISCHE EINORDNUNG

Bei aller Weite und Tiefe ist der Band auch mit gewissen Herausforderungen für die Leserschaft verbunden. Die schiere Stofffülle – fünf grosse Teile mit jeweils einem Dutzend oder mehr Unterkapiteln – macht das Buch zu einem Nachschlagewerk, das sich nur bedingt in einem Zug durchlesen lässt; wer eine stringente, linear aufgebaute Argumentation erwartet, wird stattdessen ein Geflecht aus Biologie, Ethnografie, Wissenschaftsgeschichte und Regulierungspolitik vorfinden, das zwar durch die wiederkehrenden Grundthesen zusammengehalten wird, aber immer wieder assoziative Sprünge macht. Auch hier gilt, was schon für „Beezza!“ festgestellt wurde: Die politische Kritik an Behörden, Institutionen und Einzelpersonen ist pointiert und oft berechtigt, aber selten um eine ausgewogene Würdigung der Gegenposition bemüht – wer die vorsichtige, auf Risikominimierung bedachte Position der europäischen Lebensmittelbehörden in ihrer eigenen Logik verstehen möchte, findet dazu bei Ambühl wenig.

Zu bedenken ist auch, dass das Buch – trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs – kein peer-reviewtes Fachbuch, sondern, wie Ambühl selbst im Vorwort betont, „eine persönliche Darstellung“ ist. Die Fülle an Zitaten, Studien und historischen Quellen ist beeindruckend, folgt aber keiner durchgehenden akademischen Zitierweise, was die Nachprüfbarkeit einzelner Aussagen für ein Fachpublikum erschwert. Für die intendierte Leserschaft – interessierte Laien, angehende Insektenzüchterinnen und -züchter, Journalisten, politisch Interessierte – ist dies unproblematisch, für eine strikt wissenschaftliche Verwendung sollte das Buch eher als kenntnisreicher Wegweiser zu Primärquellen denn als zitierfähige Quelle selbst verstanden werden.

ZIELPUBLIKUM UND FAZIT

„Skyfood – Essbare Insekten“ ist Ambühls Opus Magnum im Sachbuchbereich: die umfassendste, am breitesten recherchierte und am stärksten durch eigene Feldarbeit fundierte Darstellung seines zentralen Lebensthemas. Es eignet sich für ein breites Publikum – von Menschen, die sich erstmals grundlegend mit essbaren Insekten befassen wollen, über angehende Insektenzüchterinnen und -züchter, bis zu Leserinnen und Lesern, die sich für Ethnografie, Wissenschaftsgeschichte oder Regulierungspolitik interessieren. Wer Ambühls literarisches Werk kennt, findet hier den sachlichen Resonanzboden für Motive, die in seiner Belletristik immer wiederkehren: die reale Vorlage für die Figur Augustin Konda ku Mbuta aus „Kababila“, die Landschaft und Kultur des Bas-Kongo, die überall im Werk präsente Verbindung von Naturkunde und politischem Engagement. Und wer seine früheren Sachbücher wie „Beezza!“ gelesen hat, erkennt in „Skyfood“ die konsequente Weiterentwicklung und Vertiefung derselben Grundthesen – hier auf ein globales, alle wichtigen Insektengruppen und Kontinente umspannendes Format gehoben. Als Standardwerk verdient das Buch seinen Titel: Es ist, soweit ersichtlich, tatsächlich die umfassendste deutschsprachige Einführung in die Esskultur mit Insekten, geschrieben von einem Autor, der sein Thema nicht nur erforscht, sondern über Jahre in Kongo, Thailand und der Schweiz aktiv mitgestaltet hat.

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