Ein Esel spricht: stur, klug, unbestechlich. In 38 kurzen Kapiteln seziert Daniel Ambühl die "Machtpyramide" der Gesellschaft und zeigt, dass wahre Freiheit nicht oben, sondern zuunterst liegt. Von Sacharjas Prophezeiung über Jesu Ritt am Palmsonntag bis zu Alfred Rassers HD Läppli und Benignis "La vita è bella" entfaltet sich eine bissige Kritik an Anpassung, Notrecht und Mitläufertum. Am Ende: ein leises Manifest der Selbstversöhnung. Mit eigenen Feder- und Tuschzeichnungen des Autors illustriert.
"Gäbe es mehr Esel, wäre die Welt menschlicher." Mit diesem Motto eröffnet Daniel Ambühl sein philosophisches Essay "Wege des Esels" und lässt fortan einen Esel sprechen: stur, ausdauernd, unbestechlich.
Der Esel widerspricht einem weitverbreiteten Irrtum: Man könne die Welt verbessern, indem man "die da oben" verbessert. Die Machtpyramide, so der Esel, ist kein Ort der Freiheit, sondern eine Konstruktion aus Schleim, Schmierfett und Marionettenfäden. Der Freiheitsgrad des Menschen nimmt ab, je höher er in ihr aufsteigt, weil ihn dort unerbittliche Sachzwänge und der Terror des Gehorsams verstricken. Die grösste Freiheit liegt deshalb nicht an der Spitze, sondern zuunterst und sogar ausserhalb der Pyramide, an jenem Ort, den der Esel den "Abschaum" nennt: die Ignorierten, Vergessenen, Ausrangierten. Genau auf ihnen ruht das Fundament jeder Macht.
In 38 kurzen, aphoristischen Kapiteln entwickelt Ambühl daraus eine ganze Philosophie der Verweigerung. Wer nach oben will, muss seine Relevanz beweisen und sich den Regeln der Pyramide unterwerfen – und verliert dabei genau jene Prinzipien, die er ursprünglich verändern wollte. Der Esel warnt: Wer im System mitspielt, um es von innen zu ändern, wird selbst zum Verräter an seinen alten Regeln, sobald er oben angekommen ist. David besiegt Goliath nicht, indem er selbst zum Goliath wird, sondern indem er Esel – also er selbst – bleibt.
Von hier aus schlägt das Buch weite Bögen: durch die Coronazeit mit ihrem Notrecht und ihrer Verfassungswidrigkeit, durch die "Sozialindustrie", die das Elend verwaltet statt es zu lindern, und durch das Finanzwesen, in dem "clevere" Kleinanleger sich vergeblich für Davids halten. Der Krieg wird als Ort entlarvt, an dem der Einzelne für fremde Ziele instrumentalisiert wird – mit Orden, Drogen und Beförderungen bei der Stange gehalten, während der Tod als Bildschirmspiel verharmlost wird.
Ein zentraler Bildkomplex ist religiös-mythologisch: Der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag, geweissagt bei Sacharja, auf einem Esel und nicht auf einem Kriegspferd – ein bewusstes Zeichen der Abrüstung und des Friedens. Ambühl verfolgt dieses Motiv durch die Kunstgeschichte, von einer byzantinischen Elfenbeinminiatur bis zum Palmesel im Schweizerischen Landesmuseum, und kontrastiert es mit dem modernen "Esel" schlechthin: dem kugelsicheren Papamobil, umgeben von Bodyguards – eine Glaubenswelt aus Angst und Verstellung. Auch Dionysos, der auf einem Esel reitende griechische Gott der Lebenskraft und der mystischen Ekstase, wird als Gegenfigur zur militarisierten Macht herangezogen.
Populärkulturelle Referenzen verankern die Philosophie im Alltäglichen: Roberto Benignis Film "La vita è bella", in dem ein Vater seinem Sohn das Konzentrationslager als Spiel erklärt und so dessen Seele rettet; der Schweizer Kabarettist Alfred Rasser in der Rolle des HD Soldaten Läppli, der falsche Autoritäten mit seiner Sturheit in den Wahnsinn treibt; der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber, der mit seinem eigenen Esel eine aufgeheizte Demonstration befriedet. Für Ambühl sind dies alles Gestalten des Eselsprinzips: Sie nehmen das Böse nicht ernst, sondern begegnen ihm mit Klugheit, Humor und unbeugsamem Eigensinn – und gewinnen gerade dadurch.
Sprachlich ist das Buch bewusst schroff, manchmal polemisch, mit Seitenhieben auf Politik, Medien und Zeitgeist – von Alain Berset bis zu Bitcoin-Anlegerclubs. Der Esel scheut keine Zuspitzung, bleibt aber in seinem Kern konsequent: Freiheit bedeutet, nicht mitzuspielen, wo man nicht mitmachen will, auch wenn man dafür als dumm, stur oder unbequem gilt.
Der Schlussteil bricht bewusst mit dem polemischen Ton. Nach den zeitkritischen Kapiteln endet das Buch in einer Reihe stiller, persönlicher Sätze – einem Kanon der Selbstversöhnung: "Ich möchte Frieden schliessen mit mir selbst." "Es genügt, so zu sein, wie ich bin." "Mensch zu sein, reicht. Zum Glück." Der Esel, der die Welt zuvor scharf seziert hat, landet am Ende nicht bei einer neuen Ideologie, sondern bei sich selbst.
Auch sprachlich spielt Ambühl mit seiner Titelfigur: Rückwärts gelesen ergibt ESEL das Wort LESE – eine kleine Widmung an die "verehrten Miteselinnen und Mitleser" seines Buches. Und er warnt vor einer Gefahr, die selbst dem Esel droht: Wird sein anarchischer Selbstbestimmungswille gebrochen und mit dem gehorsamen Pferd gekreuzt, entsteht der unfruchtbare Maulesel, der zwar "die Fresse hält", aber genau das tut, was man ihm sagt – die domestizierte, systemtaugliche Kehrseite des freien Esels.
"Wege des Esels" ist damit sowohl Gesellschaftskritik als auch ein sehr persönliches Buch – eine Ermutigung, in einer Welt der Anpassung stur, genügsam und bei sich selbst zu bleiben. Es richtet sich an Leserinnen und Leser, die pointierte, unbequeme Denkanstösse zu Macht, Konformität und Zivilcourage suchen, ohne auf Humor und Bildkraft zu verzichten. Illustriert mit eigenen Feder- und Tuschzeichnungen des Autors, die von David und Goliath bis zum ältesten bekannten Palmesel der Welt reichen, ist es der konsequente Nachfolgeband zu Ambühls Machtpyramiden-These aus "Venedig versenken".
"Gäbe es mehr Esel, wäre die Welt menschlicher." Mit diesem doppelbödigen Motto beginnt Daniel Ambühls Essay "Wege des Esels" – und mit ihm ein Buch, das konsequent aus dem Mund eines Tieres erzählt wird, das in der Alltagssprache als Schimpfwort für Dummheit herhalten muss. Ambühl dreht dieses Klischee um: Sein Esel ist nicht dumm, sondern das genaue Gegenteil – stur aus Vernunft, genügsam aus Klugheit, unbestechlich aus Prinzip. Über 38 kurze, nummerierte Kapitel hinweg entwickelt dieser Esel eine Philosophie der Machtkritik, die zugleich politisches Pamphlet, kulturhistorischer Streifzug und, im letzten Drittel, ein sehr persönliches Bekenntnis ist.
Das Buch schliesst thematisch an Ambühls frühere Arbeit "Venedig versenken" an, in der er seine Grundthese von der "Machtpyramide" erstmals ausführlich begründet hat. "Wege des Esels" liest sich als Weiterführung und Verdichtung dieser Gedanken in aphoristischer, oft bewusst polemischer Form – nicht als akademische Abhandlung, sondern als literarisches Streitgespräch mit dem Leser, den der Esel direkt anspricht, herausfordert und gelegentlich blossstellt.
Der Ausgangspunkt des Buches ist ein "grosser Irrtum", den der Esel schon im ersten Kapitel benennt: die Vorstellung, man könne die Welt verbessern, indem man "die da oben" verbessert oder selbst nach oben gelangt. Dieses Bild – Mächtige oben, Ohnmächtige unten, dazwischen ein Leiterlispiel mit angeblich festen Regeln – hält der Esel für eine fatale Verkennung der wirklichen Verhältnisse. Die Machtpyramide, so seine Gegenthese, besteht nicht aus Stein, sondern "aus Schleim, Schmierfett und Marionettenfäden". Der Freiheitsgrad eines Menschen nimmt ab, je höher er in ihr aufsteigt, weil ihn dort immer unerbittlicher die Sachzwänge regieren – "der Terror des Gehorsams". Die grösste Freiheit liegt daher zuunterst, ja sogar ausserhalb der Pyramide, in jenem Bereich, den der Esel unverblümt "den Abschaum" nennt: die Ausgegrenzten, Untergetauchten, Ignorierten, Vergessenen, Alten, Kranken, Unbrauchbaren.
Diese Wortwahl ist bewusst provokant, und der Esel präzisiert sie im zweiten Kapitel sofort: Sozialhilfebezüger, Asylanten, Rentner und andere "Betreute" gehören nicht zum Abschaum, weil sie längst Teil des Systems geworden sind – integriert, verwaltet, als Klientel gebraucht, damit sich der Beamtenapparat selbst legitimieren kann. Der eigentliche Abschaum, aus dem laut Esel die "wahre Kraft zur Veränderung" kommt, ist der Ort grösster Hoffnungslosigkeit, frei von jedem Schleim und jeder Marionettenfädigkeit: die Staubkörner, auf denen die ganze Pyramide ruht, ohne sie zu bemerken.
Diese Umkehrung der klassischen Machtmetapher zieht sich als Grundmuster durch das ganze Buch. Der Esel zeigt an historischen Beispielen – Maya-Pyramiden, ägyptische, chinesische, New Yorker Machtgebilde –, dass sich Machtpyramiden trotz unterschiedlicher kultureller, technischer und klimatischer Rahmenbedingungen in ihrem Grundmuster gleichen, weil die "machtbestimmenden Faktoren" – früher Gewaltmonopol, Kriegstechnik und religiöse Erlösungsnarrative, heute vor allem Finanzhoheit, Geld, Kontrolle und Überwachung – überall dieselben narzisstischen Mechanismen erzeugen: Selbsterhalt als oberster Zweck, Heiligung der eigenen Mittel. Ändern sich die machtbestimmenden Faktoren, so die These, fällt die jeweilige Pyramide zusammen, "egal wer zufälligerweise gerade zu oberst ist und angeblich das Sagen hat" – ein Gedanke, der die Austauschbarkeit einzelner Führungsfiguren gegenüber der Stabilität des Systems selbst betont.
Auch der Vorwurf, die Pyramide halte sich nicht einmal an ihre eigenen Regeln, wird pointiert zugespitzt: Der Esel behauptet, moderner "Human trafficking" habe in der Menschheitsgeschichte monströsere Ausmasse angenommen als zu Zeiten der offiziell erlaubten Sklaverei – gerade weil das offizielle Verbot den Schein von Kontrolle erzeuge, während die Praxis dahinter umso hemmungsloser wuchere. Diese Beobachtung wird nicht empirisch belegt, sondern als provokante Behauptung in den Raum gestellt, die zum eigenen Nachdenken anregen soll, nicht zur unhinterfragten Übernahme.
Ein zentraler Gedankenstrang des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wie man sich zu einem System verhält, dessen Regeln man ablehnt. Der Esel verwirft dabei zwei naheliegende Auswege als Illusion. Der erste ist der "Marsch durch die Institutionen": Wer sich auf das Spiel der Mächtigen einlässt, um es von innen zu verändern, muss zuerst deren Regeln akzeptieren – und wird, sobald er selbst nach oben gelangt, die "alten, richtigen" Regeln längst vergessen haben, weil sie ihn sonst als Verräter am neuen System entlarven würden. Wer mitspielt, um zu gewinnen, hat sein ursprüngliches Anliegen bereits verraten, lange bevor er die Spitze erreicht.
Der zweite Ausweg, den der Esel ebenso skeptisch prüft, ist der stille, wortlose Widerstand von innen, das Undercover-Dasein im System. Auch hier warnt der Esel: Wer sich verstellt, um beim "üblen Spiel" der anderen mitzumachen, gerät in ständigen Stress, unentdeckt zu bleiben – und läuft Gefahr, sich mit der eigenen Verstellung selbst zu unterwandern. Manche Undercover-Agenten, so der Esel süffisant, steigen sogar zu Anführern der Gruppen auf, die sie eigentlich bekämpfen wollten, und stehen dann "scheinbar zu oberst, aber auf verlorenem Posten".
An dieser Stelle bringt der Esel das Bild von David und Goliath ins Spiel, allerdings gegen die naheliegende, triumphalistische Lesart gebürstet: Die Geschichte sage nicht, dass die Kleinen gegen die Grossen gewinnen, oder dass Esel gegen Eseltreiber siegen. Vielmehr habe David verstanden, dass man sich nie auf einen Kampf einlassen dürfe, in dem man die Stärken des Gegners bekämpft – denn genau dort gewinnt Goliath immer. "Du kannst den Eseltreiber nicht besiegen, indem du als Esel selber den Eseltreiber spielst. Nein, nur, indem du Esel bleibst", lautet die pointierte Schlussfolgerung.
Von diesen grundsätzlichen Überlegungen aus wendet sich der Esel konkreten, tagesaktuellen Themen zu – mit unverhohlener Schärfe und ohne diplomatische Zurückhaltung. Breiten Raum nimmt die Kritik an der Schweizer und deutschen Coronapolitik ein: Der Esel wirft dem Bundesrat vor, per Notrecht "narzisstisch, illegal und verfassungswidrig" regiert zu haben, während die Parlamente alles "durchgewinkt" hätten. Namentlich genannt wird alt Bundesrat Alain Berset, dem der Esel eine spätere Karriere "weiter oben" in internationalen Gremien unterstellt. Die Volksabstimmung über die Verlängerung des Notrechts wird als Konstruktion entlarvt, die dem Stimmvolk suggeriert habe, es könne über etwas abstimmen, worüber es laut Verfassung gar nicht hätte abstimmen dürfen.
Ein zweites Zielobjekt ist, was der Esel die "Sozialindustrie" nennt: ein Apparat, der Elend nicht lindere, sondern verarbeite, um Menschen dauerhaft vom Staat abhängig und damit zu einem verlässlichen, "affirmativen Wahlsubstrat" zu machen. Auch das Finanzwesen bleibt nicht verschont: Kleinanleger, die sich mit Investmentbüchern und Börsentipps wappnen, um es den "Goliaths des Finanzwesens" gleichzutun, werden vom Esel als tragikomische Figuren gezeichnet – "Ha, ha, ha", kommentiert er trocken ihre Selbstüberschätzung.
Der Esel verortet all dies in einem grösseren Muster: Profite werden privatisiert, Verantwortung wird "solidarisch" anonymisiert, Verluste an Staat und Steuerzahler ausgelagert – ein "Schneeballsystem-Pyramiden-Casino", in dem man nur gewinnen kann, wenn genügend andere verlieren. Wenn der Kollaps schliesslich kommt, so die bittere Pointe, seien es immer "die anderen", denen die Schuld gegeben werde: die Störrigen, die Ungeimpften, die Unfolgsamen – jene, die vor dem Kollaps gewarnt hätten und nun als Sündenböcke herhalten müssten. Der Esel zieht hier eine drastische historische Parallele zu Hexenverfolgung und Konzentrationslagern, um zu zeigen, wie ein System, das ins Wanken gerät, seine eigene Schuld auf Aussenseiter projiziert – und warnt seine eigene Leserschaft: "Das werden sie euch Eseln nie verzeihen", wenn die Warnungen der Unbequemen sich am Ende als richtig erweisen.
Auch dem medialen Betrieb widmet der Esel ein eigenes, bissiges Kapitel: Am Beispiel der öffentlichen Empörung über eine durchgeknallte Sektenschwester zeigt er, wie Medien im "Modus der Empörung" jeden Unsinn aufgreifen und damit unterschwellig signalisieren, man solle ihn ernst nehmen. Genau das, so der Esel, sei die Einladung, die Scharlatane, Betrüger und Idioten bräuchten, um sich "wie Bettwanzen" in die Gespräche der Gesellschaft einzunisten und sich möglichst rasch zu verbreiten. Seine Konsequenz daraus ist eine Ethik der bewussten Ignoranz: Nicht jedes Böse verdient Aufmerksamkeit – manches stirbt am ehesten, wenn man es konsequent nicht füttert.
Ein eigener, dichter Abschnitt des Buches widmet sich dem Krieg als extremster Form der Unterwerfung unter die Machtpyramide. Der Esel beschreibt eindringlich, wie ein Mensch, der einen Feind trotz Befehl nicht tötet, selbst zum "Befehlsverweigerer" und potenziellen Opfer wird – im Namen eines Gottes, der zugleich "Du sollst nicht töten" gesagt habe. Er zeichnet nach, wie Kriegsdienst mit Orden, Drogen, Beförderungen und Ritualen so inszeniert wird, dass der Soldat nicht zur Besinnung kommt, und wie moderne Kriegsführung – Drohnen, hochauflösende Bildschirme, Joystick-Kriege – das Töten zu einer Art Unterhaltung verharmlost, bei der "der ganze Chatraum applaudiert".
Besonders eindrücklich ist die Beobachtung, dass Krieg im Namen des Friedens geführt werde, obwohl es "nicht dein Krieg" und "nicht dein Friede" seien, an denen man mitwirke, sondern der Krieg und der Friede der anderen. Der Moment der Ernüchterung, so der Esel, komme erst, wenn der erste tote Gegner im Blut vor einem liege – "das könntest du selber sein" – und aus der eigenen Mordtat plötzlich Angst statt Stolz krieche. Der Esel, der in diesem Bild wieder erwacht, fragt nur noch: "Was habe ich mit dem ganzen Irrsinn zu tun? Warum?!" Diese schonungslose Schilderung macht das Kriegs-Kapitel zu einem der eindringlichsten des ganzen Buches, weil es die abstrakte Systemkritik der vorangehenden Kapitel in eine konkrete, körperliche Erfahrung übersetzt.
Das Herzstück des Buches, formal wie inhaltlich, bildet die ausführliche kulturhistorische Auseinandersetzung mit dem Esel als religiösem Symbol. Ausgangspunkt ist die Prophezeiung des Propheten Sacharja (9,9) aus dem Alten Testament, in der ein gerechter, demütiger König angekündigt wird, der "auf einem Esel" nach Jerusalem einreitet und dem "Rosse aus Jerusalem" und "Streitwagen" – also Kriegsgerät – ausdrücklich verzichten wird. Diese Prophezeiung, so führt der Esel unter Rückgriff auf die Literaturwissenschaftlerin Jutta Person aus, ist im Christentum am Palmsonntag zum Bild des Einzugs Jesu in Jerusalem geworden: Jesus wählt bewusst ein "Nichtkriegstier". Das Pferd steht für Waffengewalt, der Esel für das Demütige, Schwache, Nichtkriegerische – eine bildhafte Abrüstungsgeste, wie es im zitierten Deutschlandfunk-Interview heisst.
Ambühls Esel widerspricht jedoch der reinen Lesart des Demütigen und Schwachen: Was den Esel eigentlich auszeichne, sei nicht Unterwürfigkeit, sondern eine "anarchische, autoritätskritische Grundhaltung", seine Störrigkeit, seine Bockigkeit, seine Unbestechlichkeit gegenüber Befehlen, die ihm nicht geheuer sind. Als Beleg dient ihm ein Vergleich aus dem Iran-Irak-Krieg: Kriegslüsterne Mullahs konnten Esel nicht in Minenfelder treiben, weil die Tiere die Gefahr witterten und keinen Wank machten – sie mussten stattdessen Kinder schicken. Der Esel, der sich schlagen lässt, aber nicht weitergeht, wenn ihm ein Weg nicht geheuer ist, wird so zur Verkörperung eines Instinkts, der die "Seele" – in der biblischen Symbolik den Reiter auf dem Esel – vor unüberlegter Gefahr schützt.
Diese Ikonographie verfolgt das Buch quer durch die Kunstgeschichte: eine byzantinische Elfenbeinminiatur aus Konstantinopel (10. Jahrhundert), mittelalterliche geschnitzte Palmesel, die in katholischen Prozessionen mitgeführt wurden, bis zum ältesten bekannten Palmesel der Welt aus Steinen SZ (um 1055), der heute im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich steht. Ambühl spinnt daraus sogar eine augenzwinkernde These: Der mittelalterliche Palmesel auf Rädern könnte als "Zündfunke" für die Erfindung des Automobils gelten – dem ältesten Palmesel fehle nur noch der Motor, dann wäre er ein Personenwagen der Marke "Asinus", lateinisch für Esel.
Kontrastiert wird diese Tradition mit ihrer modernen, "transhumanistisch verbesserten" Variante: dem kugelsicheren Papamobil mit dem Mercedes-Stern, umgeben von bewaffneten Bodyguards, die das Fahrzeug vom Volk abschirmen – für den Esel Sinnbild einer "Glaubenswelt als Angst und Verstellung". Als Kontrapunkt zeigt das Buch ein Foto vom Umzug der Zeller Fasnacht, wo ein Fasnachtswagen mit einem Papamobil aus Karton auf einem Einkaufswagen die "eselige Volksseele" zeigt, die genau spürt, was an solchen Zerrbildern nicht mehr stimmt, und sich lustig darüber macht.
Auch die griechisch-römische Mythologie liefert Bildmaterial: Dionysos, der Gott des Weines, der Lebenskraft und der mystischen Ekstase, wird häufig auf einem Esel reitend dargestellt – etwa auf einem römischen Mosaik aus El Djem in Tunesien (um 200 nach Christus), wo er zusammen mit dem schmerbäuchigen Silenos auf dem Esel gekrönt wird. Ein Zitat aus einem Kreta-Reiseführer, das Ambühl anführt, beschreibt den Weg des Dionysos als Weg der Erlösung vom Alltag – "vielleicht sogar dem Alltag auf einem Esel zu entfliehen."
Ein besonders dichtes Kapitel widmet sich einer sprachlichen Beobachtung aus dem Hebräischen: Die Wörter für "Volk" und "Körper" werden dort gleich geschrieben. Der Esel entfaltet daraus eine Analogie: Das Volk ist der Körper des Staates, so wie der Esel in biblischen Bildern für den Körper steht, während die Seele – das "Eine und Fünfte", die Quintessenz – der Reiter auf dem Esel ist, wie bei Jesu Ritt nach Jerusalem. Der Esel besitzt einen Instinkt, der die Seele schützt: Er geht nicht weiter, wenn ihm ein Weg nicht geheuer scheint, gleich wie sehr man ihn dafür schlägt. Wird der Esel geschlagen oder gegen seinen Widerstand gezwungen, nimmt – so die pointierte Volksetymologie des Buches – auch der König, also die Seele, Schaden. Wer schreie, die Regierung vernachlässige ihr Volk, vernachlässige damit, so der Esel unerbittlich, in Wahrheit häufig den eigenen Körper.
Neben den religiös-mythologischen Referenzen stützt sich Ambühl auf populärkulturelle Figuren, die er als moderne Verkörperungen des Eselsprinzips liest. Besonders ausführlich behandelt wird Roberto Benignis Film "La vita è bella" (1997): Der jüdische Buchhändler Guido erklärt seinem fünfjährigen Sohn Giosuè im Konzentrationslager, das Grauen sei in Wahrheit ein Spiel mit festen Regeln, dessen Hauptpreis am Ende ein echter Panzer sei. Guido wird erschossen, doch der Sohn, der sich konsequent an die "Spielregeln" hält, überlebt und fährt am Ende tatsächlich auf einem amerikanischen Panzer in die Freiheit. Für den Esel ist dies das Musterbeispiel dafür, dass man im Kampf gegen das Böse nicht gewinnt, indem man es ernst nimmt, sondern indem man ihm klug und humorvoll begegnet, bis es selbst aufgibt.
Eine zweite, dezidiert schweizerische Referenzfigur ist der Kabarettist, Schauspieler und Politiker Alfred Rasser in seiner berühmten Rolle als "HD Soldat Läppli" (1946): ein Soldat, der falsche Autoritäten mit seiner stur-naiven Art in den Wahnsinn treibt und dessen Filme im Zweiten Weltkrieg wegen angeblicher "Zersetzung der Armee" verboten wurden. Für Ambühl ist Läppli "ein typischer Esel im besten Sinne des Wortes. Ein Friedensesel im Krieg." Auch der Zürcher Pfarrer Ernst Sieber wird angeführt: 1980 brachte er, mit einem echten Esel an seiner Seite, eine aufgeheizte Demonstration der Zürcher Jugendbewegung in einen friedlichen, konstruktiven Rahmen – ein einziges authentisches Tier, so der Esel, habe es geschafft, allein durch seine Anwesenheit eine deeskalierende Wirkung zu entfalten.
Ein eigenes, fast liebevolles Kapitel widmet sich der Frage, ob der Mensch sich nicht ein Vorbild am Esel nehmen sollte. Ambühl verortet "Eseligkeit" als altes philosophisches Thema: die romantische Verklärung des Unbeugsamen, der seinen eigenen Prinzipien treu bleibt, die Legende vom unverführbaren Helden. Er zieht eine Parallele zu Schweizern und anderen Bergbewohnern, die für ebendiese Eigenschaften bewundert und zugleich bemängelt werden, weil man mit "Eseligkeit" in Machtpyramiden nichts anfangen kann. Als Beleg zitiert er einen Spruch über der Toilettentür einer Alpsennhütte: "Weisch warum de Herrgott t'Berge so hööch gmacht het? Damit mir wiiter eweg sind vu de Söihünd im Flachland!" – ein trotziger, urchiger Satz, der laut Esel genau das ausdrückt, was ein schreibender Esel geschrieben hätte, wären Esel des Schreibens mächtig.
Im Anschluss daran zitiert Ambühl ausführlich die Literaturwissenschaftlerin Jutta Person, die die Konjunktur des Esels als Sinnbild im 18. Jahrhundert erklärt: Der Bürger jener Zeit habe sich vom windigen Verstellungskünstler des Adels abgrenzen wollen und dafür das Ideal der Aufrichtigkeit entwickelt – ein Ideal, das dem angeblich dummen, aber ehrlichen Esel bestens zu Gesicht stehe. "Also dieses aus der Antike überlieferte Klischee, dass der Esel dumm sei, das gereicht ihm immer wieder auch zum Vorteil oder zum Glück", fasst Person zusammen: Was vermeintlich dumm ist, kippt am Ende ins Gegenteil und erweist sich als klug.
Formal besteht "Wege des Esels" aus knappen, oft nur eine bis zwei Seiten langen Kapiteln, die stark an aphoristische und diaristische Traditionen erinnern und in denen der Esel den Leser direkt und ungefiltert anspricht ("Du meinst...", "Also sprach der Esel."). Diese Anrede-Form erzeugt einen Sog, dem sich der Leser kaum entziehen kann – man wird ins Gespräch mit dem Esel hineingezogen, muss sich rechtfertigen, wird korrigiert, manchmal blossgestellt.
Ambühl stützt seine literarische Argumentation immer wieder mit Fundstücken aus Interviews und Kultur: Er zitiert die Literaturwissenschaftlerin Jutta Person und den Kulturhistoriker Michael Köhler aus Sendungen des Deutschlandfunks, die sich mit der kulturgeschichtlichen Bedeutung von "Blödigkeit" und dem Esel als Symbolfigur der bürgerlichen Aufrichtigkeit im 18. Jahrhundert befassen. Auf der philosophischen Ebene setzt sich der Esel explizit mit Arthur Schopenhauer auseinander: Dessen Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" würde ein zeitgenössischer Esel in "Die Welt als Angst und Verstellung" umtaufen – der Wille sei durch Angst ersetzt, die Vorstellung durch Verstellung, weil der Mensch Angst habe, sich selbst zu sein. Von hier aus entwickelt der Esel eine kleine Ideengeschichte der Freiheit: von der Trennung von Körper und Seele über das römische Statut zur Unversehrtheit des Körpers bis zu modernen Forderungen nach einer Trennung von Staat und Kirche, Staat und Gesundheitswesen, Staat und Medien.
Sprachlich bleibt das Buch dabei bewusst unbequem: Es nimmt kein Blatt vor den Mund, benennt Institutionen, Personen und Ereignisse direkt, wird stellenweise sehr polemisch und nimmt in Kauf, dass Leserinnen und Leser mit bestimmten politischen Einschätzungen des Autors nicht einverstanden sein werden. Wer eine ausgewogene, neutrale Darstellung tagespolitischer Ereignisse erwartet, findet sie hier nicht – wohl aber eine konsequent durchgehaltene, in sich schlüssige Weltsicht, die auch dort zum Nachdenken zwingt, wo man ihr widerspricht.
Nach den zeitkritischen und kulturhistorischen Kapiteln vollzieht das Buch im letzten Abschnitt einen bemerkenswerten Tonwechsel. Der Esel, der zuvor Institutionen, Politiker und ganze Gesellschaftssysteme mit scharfer Klinge seziert hat, wird plötzlich leise. In einer Reihe kurzer, unpolemischer Sätze formuliert er, was am Ende bleibt, wenn man sich aus der Pyramide löst: "Ich möchte Hindernisse, die ich mir selber in den Weg gelegt habe, wegräumen." "Ich möchte Frieden schliessen mit mir selbst. Zu meinen Gefühlen stehen. Auf mein Herz hören." "Ich will mich nicht zu einem Role model machen lassen, sondern im Fluss bleiben." "Es genügt, so zu sein, wie ich bin." "Mensch zu sein, reicht. Zum Glück."
Dieser Schluss ist programmatisch: Er zeigt, dass es dem Esel am Ende nicht um eine neue Ideologie, eine neue Bewegung oder eine neue Führerfigur geht – im Gegenteil warnt das Buch explizit vor der Versuchung, aus persönlicher Ohnmacht heraus eine "Revolution" zu fantasieren, bei der man ein Wir über sein Ich stülpt, um von der eigenen Feigheit abzulenken, den eigenen Weg zu gehen. Freiheit, so die leise Pointe des Buches, beginnt nicht in der grossen Politik, sondern in der kleinen, eigensinnigen Sturheit, bei sich selbst zu bleiben.
Ein Wortspiel rundet das Buch programmatisch ab: Rückwärts gelesen ergibt ESEL das Wort LESE – eine kleine, augenzwinkernde Widmung an die "verehrten Miteselinnen und Mitleser" des Buches. Und noch eine Warnung gibt der Esel seiner eigenen Spezies mit auf den Weg: Ihr anarchischer Selbstbestimmungswille sei ständig gefährdet, gebrochen und "domestiziert" zu werden – etwa durch die genetische Kreuzung mit dem Pferd zum unfruchtbaren, meist gehorsamen Maulesel, der "die Fresse hält und tut, was man ihm sagt". Wer Esel bleiben will, muss diesen Zustand aktiv verteidigen.
Alle Illustrationen des Bandes stammen von Daniel Ambühl selbst: feine Feder- und Tuschzeichnungen, die von einer erzählenden David-und-Goliath-Skizze über den Palmsonntagsritt Jesu, ein modernes Papamobil und den Palmesel aus Steinen bis zu einer erschöpften HD-Läppli-Figur und einer schlichten, ruhigen Eselstudie zum Schlusskapitel reichen. Die Bilder kommentieren den Text nicht illustrativ, sondern führen dessen kulturhistorische Argumentation eigenständig weiter, oft mit ausführlichen, essayistischen Bildlegenden.
Innerhalb von Ambühls Gesamtwerk im Skyfood Verlag nimmt "Wege des Esels" eine besondere Stellung ein: Während Bücher wie "Covidokratie, Liebe und ziviler Widerstand" oder "The Great Regret – Das Grosse Bedauern" thematisch näher an konkreten Zeitereignissen bleiben, destilliert "Wege des Esels" die dahinterliegende Machtphilosophie in eine literarische, bild- und symbolgesättigte Form. Wer sich zunächst für die Machtpyramiden-These interessiert, findet in "Venedig versenken" deren ausführlichere, argumentative Grundlegung; "Wege des Esels" liefert dazu das griffige, einprägsame Bild – den sprechenden Esel – und die kulturhistorische Tiefenbohrung durch Bibel, Mythologie, Kunstgeschichte und Popkultur, die diese These auf über zweitausend Jahre Bildtradition ausweitet.
Diese Verbindung von politischem Pamphlet und kulturhistorischem Essay macht das Buch auch für Leserinnen und Leser interessant, die sich weniger für Tagespolitik als für die lange Geschichte der Symbolfigur "Esel" interessieren: für die Palmsonntagstradition, für Dionysos und Silenos, für den ältesten Palmesel der Schweiz oder für die Frage, warum ausgerechnet ein Lasttier zum Sinnbild von Frieden und Widerstand zugleich werden konnte.
"Wege des Esels" ist ein schmales, aber dichtes Buch: Gesellschaftskritik, kulturhistorisches Kompendium und persönliches Bekenntnis in einem. Es eignet sich für Leserinnen und Leser, die pointierte, unbequeme Denkanstösse zu Macht, Konformität, Zivilcourage und den Mechanismen der Anpassung suchen, und die bereit sind, sich auf eine dezidiert subjektive, streckenweise polemische Stimme einzulassen, statt auf einen neutralen Überblick. Wer Ambühls frühere Machtpyramiden-These aus "Venedig versenken" kennt, findet hier ihre konsequente Fortführung in verdichteter, aphoristischer Form; wer sie noch nicht kennt, erhält mit dem sprechenden Esel einen eigenständigen, eingängigen Zugang zu ihr. Am eindrücklichsten aber bleibt der Umschlag im letzten Drittel: von der lauten Anklage der Machtpyramide zur leisen, unspektakulären Selbstannahme – "Im Frieden bleiben."